Hierfür Worte zu finden und diese Gefühle zu thematisieren, ist für mich sehr politisch

Manche Begegnungen können einen wirklich sehr überraschen. Gestern war ich mit einer Arbeitskollegin was trinken. Eine Person, bei der ich mich immer wieder frage, was wir gemeinsam haben und dennoch merke ich, dass wir connecten. Wenn wir uns unterhalten, merke ich, dass unsere Gespräche tief gehen. Wir kommen aus – politisch betrachtet – unterschiedlichen Richtungen, auch wenn ich uns beide als im weitesten Sinne links einschätzen würde.

Als wir uns gestern unterhielten, kam unser Gesprächsthema irgendwann auf ‚Verzeihen‘. Klar, dass ich sofort an ‚T_äter verzeihen‘ gedacht habe und wie absurd ich das finde. Weiterlesen

Schuld

Es gibt da ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Oder viel mehr beschäftigt es Ärzt_innen, Therapeut_innen und Psychiater_innen, mit denen ich immer wieder zu tun hatte. Vielleicht passt es besser, zu sagen: Es gibt da ein Thema, das mich schon lange begleitet. Die Überschrift zu diesem Thema könnte ‚Schuld‘ sein. Bei ProFamilia war ich mit 16 Jahren das erste Mal und habe mit Frau L. über die sexualisierte Gewalt zu Hause gesprochen. Das war sehr hilfreich. Ich habe mich wirklich verstanden gefühlt. Jahrelang bin ich immer wieder zu ihr gegangen und konnte dort offen über meine schlimmen Erfahrungen sprechen und sie hat mir Wege aus den Gewalt gezeigt. Ich bin ihr bis heute zutiefst dankbar.

Dennoch gab es in diesem ersten Gespräch eine Formulierung, die mir in ihrer Aussage immer wieder auch mit anderen (Therapeut_innen, Sozalarbeiter_innen, Freund_innen) begegnet ist und die mir nicht gefallen hat. Weiterlesen

Wo beginnt Gewalt gegen Kinder? (Ein Puzzel- Teil 2)

Neulich Abend war ich auf einer Veranstaltung, es ging/ es sollte um Feminismus gehen, um die Frage:“ Welche feministischen Bewegungen brauchen wir heute? Und wer sind wir?“ Zu Beginn gab es ein Theaterstück von hauptsächlich jungen Menschen zu diesem Thema.
Auf dem anschließenden Podium saßen feministische Aktivist*innen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, sehr unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen, allerdings alle schon länger mündig und alle Akademiker*innen.
Es ließe sich viel generell über die Moderation sagen, die sich aus meiner Wahrnehmung in vielen Fallstricken verfing und auch einiges über mehr oder auch eher weniger reflektierte Beiträge der Menschen auf dem Podium, aber darum geht es mir hier nicht.
Da es ein bisschen auch Fishbowl sein sollte, gab es auf dem Podium auch einen Stuhl für wechselnde Menschen aus dem Publikum zum Mitdiskutieren. Irgendwann setzte sich ein*e mutige* 16 jährige* mit auf das Podium. Die Moderatorin sprach sie* an im Sinne von: „Du bist also Feminist*in“. Die junge Frau* kicherte ein bisschen und antwortete, dass sie* es nicht weiß. Darauf die Moderatorin:“ Aber Du hast doch gerade in dem Theaterstück mitgespielt, da ging es doch um ungleiche Bezahlung von Frauen* und Männern* und darum, dass Männer* auch Hausarbeit machen und die Kinder betreuen sollen. Dann bist Du doch Feminist*in.“ Sie antwortete:“Wenn Sie das sagen, dann ist das wohl so“. Weiterlesen

Über die Silvesternacht am kölner Hauptbahnhof

Inspiriert durch die beschissenen Kommentare meiner – politisch im Mainstream verhafteten  –  Arbeitskolleg_innen, habe ich beschlossen mir hier kurz Luft zu machen:
Von den Ereignissen in der Silvesternacht am kölner Hauptbahnhof habt ihr bestimmt gehört oder gelesen. Unabhängig voneinander benennen viele Frauen*, dass ihnen sexuelle Gewalt angetan wurde. Zwar nicht von der selben Person, aber doch am relativ selben Ort zur selben Zeit.

Mich als Betroffene sexueller Gewalt macht es wütend, dass ich jetzt mich nicht einfach darüber freuen kann, dass hier sexuelle Gewalt endlich klar als solche benannt und in den Medien öffentlich thematisiert wird. Sondern ich muss aufpassen, dass ich nicht  in eine Position gerate, in der ich anfange T_äter zu verteidigen, weil ich mich gegen eine rassistische Deutung stelle, wie sie zur Zeit in den Medien verbreitet wird.
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Therapieabbruch als politische Entscheidung

Wir freuen uns diesen Artikel einer Gastautor*in zu veröffentlichen und hoffen auf eine spannende Diskussion:

Therapieabbruch als politische Entscheidung

Oder: Was könnte es heißen, „Psyche“ und „Politik“ miteinander zu integrieren?

Ich habe eine Psychoanalyse ungefähr im dritten Jahr abgebrochen. Meine Therapeutin war, wie mir zunächst schien, die beste, die ich in diesem Therapieansatz hätte finden können. Ganz abgesehen von ihren menschlichen und intellektuellen Fähigkeiten wirkte sie auf mich „aufgeklärt“ – im Sinne von feministisch geschult und offen für linkspolitisches Gedankengut, wenn auch sicherlich nicht umfassend politisiert. Dass ich mich selber im Laufe der Therapie zunehmend politisierte, schien jedoch mit der therapeutischen Arbeit zu kollidieren.

Strukturelle Gründe statt persönlicher Vorwürfe Weiterlesen

T_äter

Angestoßen durch eine Diskussion auf dem Blog bluespunk.blogsport.de, in dem es um den schwierigen Gap zwischen Strukturkategorie und Geschlechtsidentität geht, möchte ich das Thema um die Wortwahl und das was diese verkörpert noch mal aufgreifen.
Leider bin ich jetzt eine ganze Weile nicht dazu gekommen, das hier auf diesem Blog zu tun. Aber die Diskussion um Worte verliert ja (leider) nicht an Aktualität.

Wir hatten auf unserem Blog unter den Text ‚Das ist Ansichtssache‘ einen Kommentar geschrieben, in dem wir darauf verweisen, dass wir hier, um die Strukturkategorie hervorzuheben, lediglich von Tätern und Täterinnen sprechen (und nicht von Täter_innen). Dies wurde von auf dem Blog bluespunk.blogsport.de aufgegriffen und kritisiert und hat dadurch eine spannende Diskussion in Gang gebracht, an der wir euch gerne teilhaben lassen wollen.

Und noch mal vielen Dank an bluespunk für diesen wunderbaren Artikel und die tolle Art die Diskussion noch mal zu öffnen.

Aber lest selbst:

Die Diskussion, um die es hier also gehen soll:
Könnte das Wort T_äter möglicherweise erstmal (bis wer ein besseres findet) benutzt werden, um damit zum einen die Strukturkategorie Geschlecht und zum anderen die Tatsache, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt sichtbar gemacht werden?
Bitte diskutiert mit oder hinterlasst einfach (kurz) eure Meinungen und Gedanken dazu.

Ein paar Gedanken zum Redebeitrag

Ich würde gerne noch ein paar Worte zu dem Redebeitrag loswerden. Für mich war es das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Dass ich vor so vielen Menschen stand und über sexualisierte Gewalt und einiges was mich dazu bewegt gesprochen habe. Ich war unglaublich aufgeregt. Meine Gedanken haben sich in der letzten Woche vor dem Redebeitrag im Kreis gedreht: Warum tue ich das nur? Bin ich denn völlig wahnsinnig? Ich stelle mich auf eine ‚Bühne‘ und erzähle allen, dass ich Betroffen von sexualisierter Gewalt bin? Was denken die dann über mich? Warum um alles in der Welt will ich das eigentlich tun? Will ich mich wirklich auf eine ‚Bühne‘ stellen ohne zu wissen, wer mir da eigentlich zuhört und eine meine tiefsten Verletzlichkeiten zugeben? Weiterlesen

Redebeitrag auf der Mad and Disability Pride Parade – behindert und verrückt feiern

Am 11.7. 2015 war es wieder so weit: Wir haben behindert und verrückt gefeiert. Ein riesen großes Dankeschön an dieser Stelle an die Orga der Mad and Disability Pride Parade!

Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden zusammen mit Dènes von Tauwetter einen Redebeitrag zu machen. Aufgeregt standen wir vor dem Mikro und haben folgendes vorgetragen:
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Psychotherapie ist kein Ort für Emanzipation

Sprechen Menschen über die ihnen angetane sexuelle Gewalt in der Kindheit und über die Schwierigkeiten und Probleme, die sie deswegen heute haben, mit ihren Freund*innen und Bekannten, so erhalten sie häufig die reflexhafte Antwort:“Dann mach doch ´ne Therapie.“ Ich vermute, dass hinter diesem Rat viel persönliche Unsicherheit steckt. Und wahrscheinlich auch die völlig verständliche Angst, als unterstützende Person etwas falsch zu machen. Deshalb sollten doch lieber „Fachleute“ helfen. Tatsächlich ist dieser Rat aber nur sehr bedingt ein guter. Denn dieser Rat beinhaltet den persönlichen Rückzug der Person, die gerade um Unterstützung gebeten wird. Der Verweis zur Therapie erfolgt dann, statt im Kontakt zu bleiben und die eigenen Gefühle zu benennen. Welche ja zum Beispiel sein können: „mir macht das Thema Angst“ oder:“ich bin mit deinen Schwierigkeiten überfordert“. Genau darüber ins Gespräch zu kommen, in Beziehung zu gehen, könnte tatsächlich hilfreich sein – für alle Beteiligten ;o).

Aus meiner Sicht macht der Verweis auf Psychotherapie aber auch noch etwas anderes: die sexuelle Gewalterfahrung wird in das Zweiersettings Therapeut*in und Klient*in verwiesen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder wird oft in der Abgeschlossenheit von Familie und Schule durch Bezugspersonen verübt. Und in eine vergleichbare Abgeschlossenheit, nämlich die der Psychotherapie, soll das Thema nun wieder verbannt werden. Auf die Spitze getrieben kann es bedeuten: sexuelle Gewalterfahrung wird wieder zu einem individuellen Problem, das nur die Beteiligten „etwas angeht“. Auch durch diesen Mechanismus wird das Thema entpolitisiert. Genauso schwerwiegend finde ich, dass dabei das „Konstrukt“ Psychotherapie nicht mitgedacht und nicht hinterfragt wird. Weiterlesen

und hier eine Einladung von Tauwetter…

Kurzmitteilung

Tauwetter (Anlaufstelle für Männer*, die von sexualisierter Gewalt in der Kindheit betroffene sind) hat uns gebeten diese Einladung zu veröffentlichen, was wir gerne tun.

 

Liebe Kolleg_innen, liebe Freund_innen,
anlässlich des 20-Jährigen Bestehens der Anlaufstelle für Männer*, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren mussten, möchten wir euch auf unsere Tagung am 23.10.2015 in Berlin aufmerksam machen. Die Tagung wird auf das Thema „Geschlechtsspezifik bei sexualisierter Gewalt“ ausgerichtet sein und eine Anmeldung ist ab Mitte Mai über unsere Homepage, www.tauwetter.de, möglich. Es würde uns sehr freuen, wenn ihr den Termin schon mal freihalten könntet.

Tauwetter, Anlaufstelle für Männer*, die als Junge sexualisierter Gewalt ausgesetzt
waren mail@tauwetter.de www.tauwetter.de Information und Beratung:
Offene Erstberatung: Di 18:00 – 19:00 Uhr, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin,
U-Bhf Mehringdamm Telefonische Beratung / Terminvereinbarung:
Di 16:00 – 18:00 Uhr, Mi 10:00 – 13:00 Uhr, Do 17:00 – 19:00 Uhr,
030 / 693 80 07
Emailkontakt und -beratung: beratung@tauwetter.de
Selbsthilfebereich Telefonische Terminvereinbarung:
Do 17:00 – 19:00 Uhr, 030 / 816 19 114 Emailkontakt: selbsthilfe@tauwetter.de