Höhere Strafen für Täter… ein erzieherisches Mittel

Hin und wieder taucht in meinem privaten Umfeld die Diskussion um die Bestrafung der Täter auf. Heute hatte ich mit meinem Mitbewohner, auf dem Weg zum Supermarkt, wieder mal so ein Gespräch worauf hin ich beschloss ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben. Seine Überlegung war – und die hatte ich von anderen schon oft gehört, dass eine höhere Bestrafung der Täter nichts bringen würde. Wem nichts bringen?, fragte ich ihn und würde dabei bereits ein bisschen wütend. Geduldig erklärte er mir, dass eine höhere Bestrafung Täter nicht abschrecken würde und es somit keine präventive Wirkung haben (als erzieherisches Mittel also ungeeignet sei). Und schon wieder denken alle an die Täter, murmelte ich. Überrascht schaute er mich an. Für mich hätte es eine Bedeutung und Wirkung gehabt. Hätte ich als Kind gesagt bekommen, sexualisierte Gewalt ist was soooo schlimmes, dafür kommt man 20 Jahre ins Gefängnis, das hätte mich als Kind durchaus beeindruckt. Aber stattdessen bekam ich von der Gesellschaft immer wieder gesagt, das was dein Vater mit dir macht, ist ja gar nicht so schlimm. Oder anders ausgedrückt, stell dich nicht so an.

Ich weiß schon seit ich klein bin, dass es kaum jemanden gekümmert hat was mit uns Kindern passierte. Ich weiß noch, dass ich als junger Teenager in den Nachrichten im Fernsehen einen Bericht gesehen habe, dass ein Mann eine Frau entführt, über Jahre im Keller eingesperrt und vergewaltigt hat. Das ist nur ‚rausgekommen‘, also es erfuhren mehr Leute davon als die betroffene Frau (und der Täter), weil der Mann einen Motorradunfall hatte und ins Krankenhaus kam. Seine Familie war so nett, in seine Wohnung zu gehen, um die Blumen zu gießen und die Post rein zu holen… da hörten sie Geräusche aus dem Keller – und fanden die gefesselte Frau. Diese Geschichte ist schockierend und mag in einigen Aspekten das beinhalten, was man als drastischen Einzelfall diskutieren könnte. Diese Berichterstattung enthielt aber noch eine Moral für uns junge Zuschauer_innen, die als solche vermutlich nicht geplant war: Der Täter hat für diese Tat zwei Jahre auf Bewährung bekommen.

Ich habe als Kind und als Teenager auf die verschiedensten Arten gesagt bekommen, dass die Gewalt, die mit mir geschieht, nichts sei, worüber man mit anderen redet, bzw. was mir ein Recht zum Leiden geben würde. Aber diese war besonders, weil es staatlich organisert (und gewollt) war und ist. Ich bräuchte es gar nicht erst zu versuchen zur Polizei zu gehen. Das war klar.

Wollte ich mich allen Ernstes der Situation aussetzten, meinen Vater zu beschuldigen, um dann die nächsten Jahre Angst vor seiner Rache zu haben? (Ja, so war meine kindliche Logik.) Er würde ja nicht weggesperrt werden. Oder einen anderen Grund, mit dem ich häufiger mal an den Rande einer Anzeige gedrängt wurde, ich würde durch eine Anzeige nicht verhindern können, dass er möglicherweise anderen das gleiche antut.

Es gibt sehr viele Gründe höhere Strafen für Vergewaltiger zu fordern, aber ich denke, wenn wir endlich mal die Täter aus dem Fokus der Betrachtung nehmen und unsere juristisch-pädagogischen Bemühungen nicht mehr auf diese lenken, sondern den Fokus auf die Betroffenen richten würden, dann können wir bald die verschiedensten Gründe finden, warum eine höhere Bestrafung durchaus einen erzieherischen Sinn ergibt – nicht für den Täter, aber für mich. Mir als Kind und junger Teenager hätte das damals sehr geholfen!

Ein Gedanke zu „Höhere Strafen für Täter… ein erzieherisches Mittel

  1. Ein_e Bekannte_r hat mich darauf hingewiesen, dass es nicht so Sinn macht, nur von der männlichen Form, also von den Tätern zu sprechen. Ja, das sehe ich auch so. Ich habe wohl beim Schreiben über meine persönlichen Erlebnisse (die sich nur auf TätER, also ausschließlich auf Männer beziehen), in der Verallgemeinerung in diesem Artikel nicht den Schritt gemacht mit einzubeziehen, dass es, na klar, auch TäterINNEN gibt.
    Mir ist bewusst, dass es auch die Sichtweise gibt bei gewaltausübenden Personen nur die männliche Form zu benutzten, um damit die strukturelle Gewalt, die von Männern gegen Frauen ausgeht (und schließlich gibt es ja mehr Täter als Täterinnen) sichtbar zu machen. Ich persönlich finde das nicht (bzw. nur in bestimmten Kontexten) sinnvoll, da es die Taten von Frauen verschleiert und, wie ich finde auch verharmlost. Ich finde, es klingt so, als ob TäterINNEN irgendwie harmloser seien, was ja quatsch ist.

    Anmerkung: Martina und ich haben uns m. E. dazu entschieden, unsere Artikel möglichst nicht (soviel) im Nachhinein zu verändern. Stattdessen wollen wir lieber ausprobieren unsere Auseinandersetzungsprozesse sichtbar zu machen.

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