Über die Gleichsetzung von „Betroffenheit“ jeder Art von sexualisierten Angriffen in einer patriarchalen Gesellschaft

Wenn ich mit anderen Menschen versuche, über die möglichen Ursachen von sexueller Gewalt (1) gegen Kinder zu sprechen, stoße ich immer wieder auf ein Problem. In der Diskussion entsteht häufig so etwas wie eine Teufelskreis. Für mich steht fest, dass gesellschaftliche Macht- und Gewaltstrukturen die Ursache von sexueller Gewalt sind und sie auch immer wieder möglich machen. Es ist also nie (nur) ein persönliches, individuelles Geschehen zwischen zwei (oder auch mehreren) Personen. Wenn es nun darum geht, genau die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen zu benennen sprechen wir natürlich auch über „rape culture“(2).
In der Diskussion um die Alltäglichkeit von Sexismus wird natürlich und ja auch ganz folgerichtig versucht sich bewusst zu werden, wo überall in unserem Alltagsleben wir (alle, die gerade diskutieren) mit diese Art von Gewalt konfrontiert sind.
Anhand von Beispielen wird dann häufig klar, wie sexistischen Angriffe Teil unseres „normalen“ täglichen Lebens sind. Nicht selten entsteht dann aber am Ende der Diskussion eine Gleichsetzung jeder Form erlebter sexualisierter Gewalt. Alle sind dann plötzlich gleichermaßen von sexueller Gewalt betroffen. Ich denke, dass daran auch deutlich wird, wie viel Schwierigkeiten und wie viel Schmerz in dem ganzen Thema stecken. Meine Vermutung ist, dass diese Gleichsetzung auch deshalb erfolgt, weil es große Ängste gibt. Zum Beispiel die Angst davor, was bei genauer Betrachtung eigentlich alles in Frage gestellt werden müsste. So beispielsweise das Konstrukt „ Familie“, aber eben auch meine eigene Familie. Und ich bin dann auch mit der Frage konfrontiert, was das Thema genau mit mir persönlich zu tun hat. Wenn gleich in dem jeweiligen Diskussionsprozess total nachvollziehbar, ist diese Gleichsetzung gefährlich. Sie dient nämlich vor allen Dingen der Verschleierung des eigentlichen Ausmaßes von sexueller Gewalt. Der alltägliche Sexismus schadet jede*r und jedem übrigens auch. Und trotzdem macht es einen Unterschied, ob ich einen sexuellen Angriff beispielsweise bei einer Party durch eine relativ fremde Person erlebe oder ob mich der Mensch, den ich liebe, dem ich vertraue angreift.
Es ist nicht Dasselbe, ob ich in einer Disko einen sexualisierten Angriff erlebt habe oder ob ich als Kind sexuelle Gewalt erlebe. Auch wenn wir alle im Patriarchat leben, sind wir doch nicht alle gleich betroffen. Die Angriffe sind jeweils unterschiedlich und haben unterschiedliche Folge für die angegriffene Person….  Um es ganz klar vorweg zu sagen: definitive Aussagen über das Maß der persönlichen Betroffenheit und über das Ausmaß an Leid kann nur die jeweilige Person selber machen. Es kann nicht per se aus der Art des erlebten Angriffs auf das Ausmaß an Folgen für das weitere Leben geschlossen werden. Natürlich kann auch nur jede Person selbst sagen, welche Unterstützung sie benötigt…und welche eben auch nicht.
Für eine konstruktive Auseinandersetzung, für einen besseren Umgang mit Betroffenen von sexueller Gewalt ist es aber wichtig, unabhängig vom individuellen Erleben, sich die gesellschaftlichen Strukturen vor Augen zu führen.

Ich finde es hilfreich, die Strukturen aus dem herzuleiten, was ich als Patriarchat begreife. Meine Auffassung speist sich aus meinen eigenen Erfahrungen und Reflexionen und natürlich aus Auseinandersetzungen mit anderen Menschen. Es ist eher eine Beschreibung von Patriarchat als eine Definition. Ich bin keine Wissenschaftlerin und erheben auch keinerlei Anspruch, dass das was ich hier schreiben „wissenschaftlichen“ Ansprüchen genügt.
Für mich bedeutet Patriarchat zuallererst, dass eine Gruppe von Personen, die Macht über andere hat und zur Machterhaltung immer weiter bestimmte Strukturen etabliert, weiterführt. Über den Ursprung dieser Konstruktion, dieser „Machtaneignung“ kann ich und will ich nichts sagen.
Damit die eigene Macht erhalten bleibt, müssen andere von der Macht ausgeschlossen werden. Das ist wichtig, denn wenn alle die gleiche Macht hätten, würde sich die Macht über andere womöglich einfach auflösen…..
Ausgeschlossen wird entlang verschiedener „Kriterien“ oder Zuschreibungen: zum Beispiel anhand des biologischen Geschlechts (Frauen, Inter*, Trans*), anhand von körperlicher und emotionaler Abhängigkeit (Kinder, Menschen mit Behinderungen), anhand von äußerlichen oder kulturellen Unterschieden…und vieles, vieles mehr. Dem Wortsinn nach meint Patriarchat die Herrschaft der Väter (nicht der Männer…).
In die Position der Machthabenden können auch Nicht-Väter gelangen, also auch beispielsweise Frauen, Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit bestimmten Behinderungen wenn sie die vorhandenen Macht- und Gewaltstrukturen entsprechend nutzen. Die Einzigen, die definitiv nie in eine wirkliche Machtposition kommen können sind Kinder. Es finden sich prozentual mehr ältere (weiße) Männer in Machtpositionen, der Zugang scheint für sie nach wie vor am Leichtesten (zumindest auf eine bestimmte Art und Weise). Das Patriarchat ist also unsere Realität und so gesehen kann sich niemand als außerhalb „stehend“ definieren. Und wir alle sind (erst mal) gezwungen uns im Spektrum zugelassener Geschlechterdefinitionen zuzuordnen.
Und entlang dessen erleben wir in unterschiedlicher Form und unterschiedlichem Ausmaß Angriffe, häufig sexualisierte Angriffe.
Die Unterschiede der sexuellen Gewalt zeigen sich am deutlichsten bei den strukturellen Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten zur Gegenwehr.
Eine erwachsenen Frau wird von einem Mann angegriffen: sie ist in der Position „Frau“ also mit bestimmten gesellschaftlichen Zuschreibungen behaftet, der Täter ebenso. Die Tat findet vor dem Hintergrund beziehungsweise ermöglicht dadurch statt, dass es immer noch ein Machtgefälle zwischen Männern und Frauen gibt. Aus der Position heraus hat die angegriffene Frau bestimmte Möglichkeiten zur Gegenwehr oder eben gerade auch nicht. Ein Kind wird von einer erwachsenen Person angegriffen: erschwerend zu der gesellschaftlichen kompletten Machtlosigkeit, ist das Kind auch noch emotional und kognitiv viel weniger in Lage, die Tat überhaupt einzuordnen. Ein Kind hat allenfalls individuelle Möglichkeiten, die Angriffe zu überleben. Über wirkliche Möglichkeiten der Gegenwehr verfügt das Kind nicht. Unterstützende Erwachsene können hier die Gegenwehr übernehmen., tun es aber meistens nicht (was vielleicht an anderer Stelle noch mal mehr beleuchtet werden sollte). Ich denke, schon an diesen zwei Beispielen wird sichtbar, dass es erhebliche Unterschiede gibt.
Noch mal: die Betrachtungsebene ist nicht die des individuellen Erlebens, sondern die gesellschaftliche (häufig laufen in der Realität beide allerdings parallel). Eine Bewertung in Richtung von: dieser Angriff ist schlimmer als jener, ist unangemessen und auch gefährlich. Eine Gleichmachung erlebter sexueller Angriffe aber auch.
Es gibt aus dieser (scheinbaren) Zwangslage keinen einfachen Ausweg. Für jede Auseinandersetzung mit dem Thema ist es wichtig, sich ausreichend Zeit und Raum zu nehmen und die verschiedenen Ebenen der Betrachtung jeweils zu benennen.
Ja, das ist anstrengend und zeitraubend. Und ja, an vielen Punkten in diesem Prozess muss ich auch mich selbst immer wieder hinterfragen, mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontieren. Nach meiner Erfahrung ist es aber nur so möglich, Auswege zu finden. Auswege hin zu einer Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen und Auswege, um endlich den Menschen, die sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt haben, angemessene Unterstützung geben zu können.

(1)Für mich ist der Begriff „sexuelle Gewalt“ weiterhin der angemessene. Er trifft für mich den Kern der Angriffe. An Punkten verwende ich aber auch den Begriff „sexualisierte Gewalt“ . Dies ist nicht der Ort, hierzu mehr zu schreiben, aber vielleicht gibt es zukünftig dann auch mal einen längeren Beitrag zu den Begriffen ;o)
(2) Rape Culture (engl. rape = Vergewaltigung und culture = Kultur) bezeichnet Kulturen oder Gesellschaften, in denen sexuelle Gewalt und Vergewaltigung verbreitet sind und weitgehend toleriert oder geduldet werden. Damit einher gehen die Verharmlosung solcher Taten, die Beschuldigung der Opfer und die Herabsetzung Betroffener oder potentieller Opfer zu Sexualobjekten“ aus Wikipedia

4 Gedanken zu „Über die Gleichsetzung von „Betroffenheit“ jeder Art von sexualisierten Angriffen in einer patriarchalen Gesellschaft

  1. Dass du den Begriff „sexuelle Gewalt“ bevorzugst, finde ich interessant. Unsere Initiative hat sich ja ebenfalls dazu entschieden, diesen Begriff zu wählen. Wir begründen das hier: http://ifgbsg.org/sexuell-vs-sexualisiert/ . Mich interessieren da sehr die unterschiedlichen Perspektiven darauf, und warum wer welche Begrifflichkeit bevorzugt. Also wenn du/ihr dazu einen Artikel schreiben wollt, würde der bei mir auf großes Interesse stoßen!

  2. Was ich schon lange mal fragen wollte: Wie ist eigentlich der Satz »Die Einzigen, die definitiv nie in eine wirkliche Machtposition kommen können sind Kinder.« gemeint? Was ist da die Definition einer wirklichen Machtposition?
    Wenn ich an meine Erfahrungen mit Jungen*gruppen denke, dann gab es da oft sehr ausgeprägte Hierarchien und Machtstrukturen. Und auch da kamen sexualisierte Gewaltformen zur Zementierung eben dieser Machtverhältnisse zum Einsatz.
    Keine Frage: diese Machtverhältnisse unterscheiden sich von anderen und ein Gleichsetzen würde den unterschiedlichen Realitäten nicht gerecht werden. Aber bei „definitiv nie … eine wirkliche Machtposition“ komme ich nicht mit.
    Oder ist mit dem Satz eigentlich gemeint, dass Kinder gegenüber Erwachsenen nie in eine wirkliche Machtposition kommen können und die in dem Satz enthaltene Definition von Machtpositionen von Kindern gegenüber anderen Kindern als keine wirklichen Machtpositionen nicht beabsichtigt?

    • Vielen Dank für Deine Nachfrage! Da habe ich mich wohl ungenau ausgedrückt: es geht mir in diesem Text um die „allgemeinen“ gesellschaftlichen Macht- und Gewaltstrukturen. Und diese werden aus meiner Sicht in der Tat von den jeweils Privilegierten, also auf jeden Fall den Erwachsenen, geschaffen und reproduziert. Und so hat ein Kind, dem sexuelle Gewalt angetan wird „wirklich nie eine Machtposition“, nämlich zur Gegenwehr. Auch hier meine ich auch wieder die strukturelle Ebene, denn individuell setzten sich Kinder meist sehr wohl zur Wehr,allerdings oft nur mit begrenztem Erfolg… Natürlich (oder auch nicht natürlich, sondern in Reproduktion vorgelebter Gewalt..) können Kinder und Jugendliche Gewalt ausüben und es gibt untereinander auch Machtstrukturen. In dem Text versuche ich deutlich zu machen, was das spezielle an sexueller Gewalt gegen Kinder ist. Und ich versuche dies aus der Perspektive des angegriffenen Kindes. Ein Kind, dem von einem anderen Kind sexuelle Gewalt angetan wird, ist natürlich zuerst diesem Kind ausgeliefert (je abhängig von den bestehenden Hierarchien). Es ist aber immer auch den von den Erwachsenen geschaffenen Strukturen ausgeliefert und davon abhängig, ob die Erwachsenen aus seiner Umgebung eingreifen oder eben nicht. Wird mein Punkt klarer?
      Viele Grüße an Dich ;o)

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