Über die aktuelle Richtung des Diskurses in den Medien

Ich bin wütend. Ich bin sehr wütend. Im Fernsehen und im Internet bin ich immer wieder konfrontiert mit Spots wie: man sieht einen sympathischen jungen Mann, der Straßenbahn fährt. Eine Mutter mit Sohn steigt ein, sie setzen sich dem Mann gegenüber hin. Der Mann sieht den Jungen an und schaut dann gequält vor sich hin. Am Ende der Frage: „Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“ Und die Antwort: “- Es gibt Hilfe!“. Ich persönlich empfinde diese Frage schon als Zumutung, denn „Pädophilie“ (1) hat nun wahrlich nichts mit Liebe zu Kindern zu tun…..In einem weiteren Filmchen sehen wir vermummte, durch Kleidung und Stimme als Männer markierte Personen, die über ihr persönliches Leid sprechen und am Ende theatralisch (o.k., das ist meine Wertung…) versichern: „Ich will kein Täter werden!“  Es geht um Werbung für das sogenannte Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Hauptprotagonist in der Öffentlichkeit ist der Sexualmediziner Professor Klaus Beier von der Berliner Charité. Herr Beier ist vor allem eines: ein genialer Werbefachmann!(2) Beier ist der Ansicht sexueller Missbrauch sei, ohne dass er den Begriff näher definieren würde, eine Form von Sexualität und zwar eine gestörte, nämlich „Pädophilie“. Es soll eine sexuelle Präferenzstörung sein. Das bedeutet, die normale sexuelle Vorliebe ist gestört. Diese Störung soll sich bis zum Erwachsenenalter entwickeln und nicht heilbar sein. Die Interpretation der Ursachen sexueller Gewalt gegen Kinder als eine Krankheit fasst zunehmend Fuß. Es fließt immer mehr Geld. Der letzte Coup war, das Projekt auch in Richtung Prävention zu verkaufen. Nun werden auch schon Jugendliche heraus gefiltert und als „Pädophile“ beziehungsweise „Pre-Pädophile“ „behandelt“. Das Bundesfamilienministerium gibt dafür jetzt auch gerne Gelder (700.000 €). Projekte, die schon lange erfolgreich mit übergriffigen Jugendlichen arbeiten, gehen dagegen leer aus. Ja, ich finde auch das Abgreifen der finanziellen Ressourcen ist ein Skandal. Brisanter in meinen Augen ist aber die Richtung, die der öffentliche Diskurs nun nimmt. Das Beier mit seiner Werbung so erfolgreich ist, liegt auch daran, dass er die Strukturen, die sexuelle Gewalt gegen Kinder möglich machen, eben nicht in Frage stellt. Im Gegenteil: sie werden massiv gestützt. Die Konstruktion von „Pädophlie“ als einer Krankheit schützt sehr gut davor, Fragen nach grundlegenden gesellschaftlichen Machtstrukturen stellen zu müssen. Niemand muss sich damit konfrontieren, wie beispielsweise die Situation in der eigenen Familie ist. Strukturen, die Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Familien, dem nahen Umfeld und Institutionen erst möglich machen, müssen so nicht hinterfragt werden. Da der „Pädophile“ an sich ja nicht heilbar ist, muss sich im Sinne einer Verhinderung von sexueller Gewalt nur damit auseinandergesetzt werden, wie diese Kranken im Vorfeld erkannt werden können. Dies wurde bis vor Kurzem übrigens durch, ja ernsthaft, Phallometrie(3) versucht. Sexualisierte Gewalt an Kindern wird so zu etwas Unvermeidlichem. Und wenn die Ursache eine Krankheit ist, dann wird es das immer geben. Das Thema hat so keinerlei Bezug mehr zum herrschenden Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen Männern und Frauen. In dieser Darstellungsweise kommt eine Forderung nach Veränderung gesellschaftlicher Strukturen nicht vor. Und sie negiert die grundsätzliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen, sich für oder gegen die Ausnutzung persönlicher Privilegien zu entscheiden. Jede erwachsene Person entscheidet, ob die Macht gegenüber einem Kind zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse benutzt wird, sie ist für ihr Tun verantwortlich. Völlig losgelöst aus dem gesellschaftlichen Kontext wird ein individuelles, krankheitsbedingtes Problem konstruiert. Übrigens interessant, dass genau dies auch in Richtung der Betroffenen sexueller Gewalt geschieht. Hier ist die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ das Mittel der Wahl…aber dazu dann sicher mal mehr in einem extra Artikel. Dieser Diskurs untermauert auch die bekannte Konstruktion männlicher Sexualität als triebgesteuert, nicht von ihnen selbst kontrollierbar. Denn zum Einen befällt die Krankheit „Pädophilie“ bisher nur Männer, Täterinnen kommen im Konstrukt dieser Diagnose nicht vor. Zum Anderen sind Männer dieser Logik folgend, nicht in der Lage ohne Hilfe von Außen, ihr Begehren einfach nicht auszuleben. Der Täter wird also in diesem Konstrukt selbst zum Opfer, das von der Gesellschaft Mitleid und Fürsorge verdient. Das Bild des pädophilen Täters suggeriert auch noch, dass es sich bei diesen, ja kranken Menschen, um „Andere“, „Fremde“ handelt. Der „Pädophile“, als pervers eingruppiert, kann leichter gesellschaftlich ausgegrenzt werden. In dieser Dynamik steckt zusätzlich die ganz große Gefahr, dass Menschen, die für sich Lebensformen jenseits des Mainstreams wählen, in die Nähe von Tätern gerückt werden. Dies geschieht ja ganz offensichtlich, wenn in der Diskussion über sexuelle Gewalt an Jungen immer wieder auch über Homosexualität gesprochen wird.

Und die Kinder und die Jugendlichen, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind? Ich habe schon als relativ kleines Mädchen intuitiv begriffen, dass die sexuelle Gewalt, die mein Vater ausübte genau in seine gesellschaftlich vorgegebene Rolle als Vater passte. Er hatte alle Macht und übte sie auch aus, ohne das dies von irgendjemandem im Umfeld in Frage gestellt wurde. Und ich habe gesehen, dass auch viele andere Kinder Angst vor ihren Vätern hatten und auch die meisten Frauen vor ihren Männern. Zwar haben sicher nicht alle dieser Väter auch sexuelle Gewalt ausgeübt, aber das da was im Verhältnis Vater/ Kind sehr ähnlich war, war für mich deutlich. Meine Kindheit war in den 60er und 70er Jahren in Westdeutschland. Zu hoffen ist, das die Situation heute nicht mehr ganz so krass ist, so sicher bin ich mir da aber nicht… Und genau über die Wahrnehmung des Machtverhältnisses gelang es mir, mit der Auseinandersetzung des Erlebten zu beginnen. Wäre ich nun mit dem Bild des „pädophilen“ Kranken konfrontiert gewesen, hätte dies ganz leicht eine Falle für mich sein können. Meine Wut auf meinen Vater hätte nicht sein dürfen, denn er kann ja nichts dafür. Durch den emotionalen Missbrauch in meiner Herkunftsfamilie, war ich gut darauf programmiert die Verantwortung für die mich umgebenden Erwachsenen, insbesondere für meine Mutter, zu übernehmen. Durch das Bild des armen „Pädophilen“ (hier noch mal ein Hinweis auf die Werbespots – und Überraschung: Kinder und Jugendlich sehen fern..!), hätte ich auch noch die Verantwortung für das Verhalten meines Vaters übernommen. Als Kind hätte ich sicher versucht, ihm zu helfen und Verständnis für ihn zu haben. Im Heranwachsen wäre mir womöglich dadurch die Chance genommen worden, durch einen klaren Kontaktabbruch ein mehr und mehr selbstbestimmtes Leben beginnen zu können. In meiner Kindheit gab es auch Versuche anderer Männer aus meinem näheren Umfeld sexuelle Gewalt mir gegenüber auszuüben. Meine Wut hat mir auch an diesen Punkten geholfen, mich mehr oder weniger erfolgreich zur Wehr zu setzen. Mit dem Bild des armen kranken Mannes, der ja nicht anders kann, wäre auch dies vermutlich sehr anders verlaufen….

(1) „Pädophilie“ bedeutet übersetzt: die Liebe zu Kindern. Dieser Begriff ist gänzlich unpassend. Der Begriff „Pädokriminalität“ wäre hier passender. Er bedeutet , dass es um Verstöße gegen Strafgesetze, um strafbare Handlung gegenüber Kindern geht.
(2) Mittlerweile wird dieses Programm in Deutschland an weiteren acht Kliniken durchgeführt. Ziel ist ein flächendeckendes Angebot. Und Beier arbeitet auch schon deutlich an einem internationalem Transfer seiner Idee…
(3) Diagnostiziert wird durch Phallometrie. Dazu werden Männern Bildern von potentiellen Sexualobjekten vorgelegt und es wird geguckt, wann sie eine Erektion bekommen durch Vermessung ihres Penis(Phallometrie). Neuerdings erfolgt die Untersuchung auch per MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie). Durch ein bestimmtes bildgebendes Verfahren wird sichtbar, wann wo was im Hirn durchblutet wird.
(4) Ergänzend: zum vermeintlichen Behandlungserfolg des Projektes:http://www.zeit.de/2014/12/paedophilie-therapie-rueckfall/seite-3

7 Gedanken zu „Über die aktuelle Richtung des Diskurses in den Medien

  1. Vielen Dank für diesen Blogbeitrag, der wie ich finde die Auswirkungen der durch das Projekt „Kein Täter werden“ verbreiteten Deutungsmuster auf den öffentlichen Diskurs sehr gut auf den Punkt bringt.
    Ich finde es immer wieder schockierend, mit welcher Unverfrorenheit und Respektlosigkeit Betroffenen gegenüber Klaus Beier und Kollegen die (Verleugnungs-)Strategien von Tätern sexueller Gewalt reproduzieren und wie groß die gesamtgesellschaftliche Bereitschaft ist, bei der Verschleierung von Machtverhältnissen und Gewalt und der Verleugnung von Verantwortung mitzugehen.
    Ein wesentliches Element der Strategien von sich selbst als „pädophil“ idealisierenden Tätern ist die Umdeutung von sexualisierter Gewalt zu einer Form von „Liebe“. Kindern werden Aufmerksamkeit, Zuwendung und Anerkennung gegeben um Zugang zu ihnen zu bekommen und sie emotional abhängig zu machen. Grenzüberschreitungen werden eingesetzt um die Betroffenen für ihre eigenen Grenzen und für die Missachtung ihres Willens zu desensibilisieren. Die Unterschiede zwischen Zärtlichkeit und sexueller Gewalt werden gezielt verwischt; Liebe, körperliche Nähe und Sexualität werden gleichgesetzt. Dazu gibt es dann noch jede Menge pro-„pädophiler“ Propaganda, in der die sexuelle Gewalt als von Kindern gewollt und die Täter als nur gutes tuend und zu unrecht von der Gesellschaft verurteilt dargestellt werden. All das läuft darauf hinaus, Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass Liebe, Zuneigung und sexuelle Handlungen untrennbar miteinander verknüpft seien und dass ihr eigenes Empfinden und der Widerwillen angesichts der sexuellen Gewalt unangebracht wären. So wird Kindern über das Verantwortlichmachen für die „Bedürfnisse“ und das Wohlergehen der Täter hinaus auch noch das Gefühl vermittelt, dass sie im Falle einer Verweigerung den Täter aufgrund von „falschen“ Gefühlen leiden lassen würden. Die Verbreitung von Plakaten und Videos mit dem Text „Lieben Sie Kinder mehr als ihnen lieb ist?“ durch das Projekt „Kein Täter werden“ reproduziert und unterstützt diesen Angriff auf die Wahrnehmung und den Willen betroffener Kinder indem sie (den Wunsch nach) Ausübung sexueller Gewalt als eine Form von „Liebe“ bezeichnen und das angebliche Leiden der Täter in den Vordergrund stellen. Auch die Verwendung des Begriffes „Pädophilie“ („Liebe zum Kind“) reproduziert diese Umdeutung, definiert die Realität den Interessen der Täter entsprechend und verschleiert, dass es um Macht- und Gewaltausübung geht.
    Durch die Erklärung einer angeblich nur schwer kontrollierbaren Sexualität zur Ursache von sexueller Gewalt werden auch die Verantwortungsleugnungsstrukturen der Täter unterstützt. Es wird ausgeblendet, dass der Ausübung sexueller Gewalt eine entsprechende Willensentscheidung vorausgeht und dass jeder die Möglichkeit hat, sich dagegen zu entscheiden. Ebenfalls ausgeblendet werden patriarchale Strukturen, in denen die Ausübung von Macht und Kontrolle durch sexualisierte Gewalt Normalität sind. Durch die Interpretation als Krankheit werden nicht mehr die gewaltverursachenden Normalitäten in Frage gestellt, sondern die (konstruierte) Abweichung von der Norm zur Ursache erklärt. Die Existenz sexueller Gewalt wird als etwas grundsätzlich unabänderliches dargestellt und eine Veränderung der gewaltverursachenden Gesellschaftsstrukturen wird nicht angegangen. Stattdessen besteht das Angebot von Beier und Kollegen darin, für viel Geld dabei zu Helfen, die scheinbar unvermeidliche Gewalt etwas unter Kontrolle zu halten. Auch das ist eine klassische patriarchale Struktur: die einen profitieren von der Gewalt der anderen indem sie teilweisen Schutz vor dieser anbieten.

  2. Hallo,
    der Artikel ist großartig und augenöffnend. Weil ich auf eurer Homepage keine Kontaktmöglichkeit gefunden habe, frage ich hier: können wir den auf unserer Homepage crossposten? (ifgbsg.org).
    Viele Grüsse,
    Gunhild

  3. Ich möchte dazu noch anmerken dass ein übliches patriarchales Mittel zur Frauenunterdrückung die Infantilisierung der Frau ist. Somit ist sexuelle Gewalt gegen Kinder die Norm im Patriarchat, und nicht die Ausnahme.

    • Der Feststellung, dass Infantilisierung ein übliches patriarchales Mittel zur Unterdrückung (u.a.) von Frauen ist, würde ich ebenso zustimmen wie der, dass sexualisierte→sexuelle Gewalt gegen Kinder Normalität im Patriarchat ist. Aber der direkte Zusammenhang, dass das zweite aus dem ersten folgt, wird mir bisher noch nicht so ganz klar.
      Ansonsten denke ich, dass Adultismus eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, Infantilisierung überhaupt als Macht- und Unterdrückungsmittel einsetzen zu können.

      • Hallo Chirlu!

        Der Zusammenhang ist der dass duch die Infantilisierung der Frau der Unterschied zwischen erwachsenen Frauen und Kindern verschwimmt. Gleichzeitig ist die patriarchale Erwartung an die Frau die Bedürfnisbefriedigung von Männern mit Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse, was dann natürlich auch auf Kinder übertragen wird.

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