Subjekt Status – Anerkennung des Schmerzes von Außen

Mir scheint es immer wieder so, als ob es für ‚uns Betroffene‘ in politischen Kämpfen immer wieder nur zwei Möglichkeiten gibt:

1. Wir beziehen uns aufs Opfer sein. Wir zeigen, dass sexualisierte Gewalt wirklich Folgen hat. Dass es schlimm und wie schlimm es ist. Wir stellen Kataloge auf mit Symptomlisten. Wir finden das heraus, was alle Betroffenen gemeinsam haben, ja und sehr schnell sind wir dabei, dass es das nicht gibt.

2. Das kämpferische Subjekt. Wir zeigen allen, dass wir es drauf haben. Dass wir keine Opfer sind. Wir sind stark, wir sind viele. Im ersten Moment hört sich das so gut an und fühlt sich auch richtig an… Aber immer wenn ich es versuche bleibt stehen: Dann war es ja gar nicht so schlimm. Da kommt man also drüber hinweg. Und das ist wirklich nicht, was ich sagen will.

In einem Gespräch in einer Kneipe, haben wir uns über genau dieses Thema die Köpfe heiß geredet. Wir wollen weder Opfer sein, noch wollen wir, dass die Gewalt verharmlost wird. Ich hatte die Hypothese im Kopf, dass es wichtig ist, dass Leiden und Schmerz anerkannt wird. Dass das die Voraussetzung ist für alles weitere Handeln. In meinem Kopf hat es Sinn gemacht, dass es politisch sinnvoll ist, dass es Symptomkataloge im ICD10 gibt. Es wird zumindest erst einmal anerkannt, dass sexualisierte Gewalt Folgen hat. Ich argumentierte, nur dadurch, dass dieser erste Schritt getan ist, kann es mit politischen Forderungen weiter gehen. Erst jetzt, durch das Anerkennen, können Forderungen gestellt werden und ein gesellschaftlicher Wandel erfolgen, demnach Betroffene endlich als Subjekte anerkannt werden. Wie gesagt, in meinem Kopf hat das alles sehr viel Sinn gemacht – bis mein Gegenüber mich trocken fragte: „Anerkannt von wem?“. Ich fühlte mich ertappt. Anerkannt von wem! Anerkannt von ‚der Gesellschaft als Ganzes‘. Anerkannt vom Staat. Anerkannt von einem Diagnosesystem, dass ich ablehne. Ja, von wem wollte ich anerkannt werden?

Einen Subjektstatus erreicht man bestimmt nicht, wenn man imaginären Eltern nachrennt, die sich in Diagnosesystemen oder Politiker_innen verstecken. Oder indem man versucht, von einer Öffentlichkeit‘, die einer männlichen Öffentlichkeit gleichkommt anerkannt zu werden. Na gut, vielleicht ist die politische Idee der Anerkennung von Außen wirklich einfach ‚fürn Arsch‘.

Leider habe ich es nicht hinbekommen in meinem Kopf sofort alles neu zu sortieren und meine Normaitvität zu verlassen.

Selbsthilfe funktioniert, weil man sich gegenseitig Anerkennung gibt oder auch weil man einfach im Austausch ist. Da muss niemand von Außen kommen und das Leid von Betroffenen von Außen anerkennen, oder doch?

Ich merke, dass ich dieses Denken nicht einfach abschütteln kann, aber es macht dennoch so viel Sinn für mich und in mir es zu versuchen.

Anerkennung von Leiden von Außen, in der persönlichen Auseinandersetzung, sowie als politisches Mittel… Ich denke, den Subjektstatus erreichen wir erst, wenn die Anerkennung von Außen an Bedeutung verliert und wir eine Ebenbürtigkeit einfordern, die uns zusteht.

Aber alles einfacher gesagt, als getan…

2 Gedanken zu „Subjekt Status – Anerkennung des Schmerzes von Außen

  1. Zwickmühle. Sehr bekannt. Und vielleicht tatsächlich nicht in „entweder – oder“ auflösbar, sondern in sowohl-als-auch?

    „Mord muss ans Tageslicht“, schreibt die (für mich) wunderbare Judith L. Herman gleich zu Beginn ihres Bestsellers „Die Narben der Gewalt“: „Das Aussprechen der grässlichen Wahrheit [ist] Vorbedingung für die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung, für die Genesung der Opfer. Erst wenn die Wahrheit anerkannt ist, kann die Genesung des Opfers beginnen“, schreibt sie. Auch der Gewaltbetroffene Jan Philipp Reemtsma räumt Gewaltopfern ein „ursprüngliches und berechtigtes Interesse gerade am Prozess der Zurechnung“ der Taten nämlich zum Täter (und, so meine Ergänzung, damit auch zu den Strukturen, die die Taten ermöglichen, decken, nicht ahnden, usw.). Denn „auf der Ebene der Zurechnung wird ja darüber entschieden, wer als Täter einer Tat in Frage kommt und wie dieses Infragekommen im einzelnen beschaffen ist. Vor allem“, so Reemtsma, „hat das Opfer ein lebendiges Bedürfnis danach, dass das Strafrecht im Prozess der Zurechnung die Rollen von Verletztem und Verletzer richtig markiert und verteilt, und dass öffentlich und mit aller Feierlichkeit des Strafrechts festgestellt wird, dass der Schaden, den das Opfer erlitten hat, nicht auf Zufall beruht, sondern auf kriminellem oder auch verschuldetem Unrecht. Dass die Schädigung einem Täter als kriminelles Delikt zugerechnet wird, entlastet das Opfer, macht es frei und verbürgt ihm, dass es nicht Opfer der Natur oder eines Zufalls, sondern des zurechenbaren Verhaltens eines Menschen ist“. Es gehe für den Verletzten nämlich „nicht nur um Wegnahme, Beschädigung und Gewalt, es geht auch um Rechtsabschneidung, Unterwerfung und Kränkung“. Es gehe für Betroffene darum, dass klargestellt werde, „auf wessen Seite das Recht und auf wessen Seite das Unrecht ist“ (Hassemer/Reemtsma, „Verbrechensopfer – Gesetz und Gerechtigkeit“, C.H.Beck, 2002, S. 161 ff).

    Tatsächlich also dreht sich möglicherweise die Frage („Anerkannt – von wem?“) deshalb so im Kreis, weil wir – wie jeder Mensch – ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit haben, gleichzeitig aber in einem Umfeld aufgewachsen sind und leben müssen, das genau in der Frage des sexualisierten Machtmissbrauchs seit Jahrhunderten keine Gerechtigkeit hergestellt hat. Die Frage („Anerkannt – von wem?“) zielt also genau auf das fatale „Double-bind“, in dem wir Betroffenen uns schon so lange befinden: Verzichten wir auf die kollektive Anerkennung (Wahr-Nehmung) dessen, was wir erfahren haben, bleibt es weiter ungesehen, verleugnet oder individueller Makel, weil die Verdrehungen der Täterinnen und Täter (und des sie schützenden Kollektivs) weiter unangefochten bestehen und gelten und uns weiter zu behandlungsbedürftigen „Opfern“ erklären. Zwingen wir das Kollektiv aber dazu, die Wahrheit über sexualisierten Machtmissbrauch anzuerkennen, wozu auch gehört, dass die Täter*innen als Täter*innen und die Opfer als Opfer benannt werden (können), bringen wir uns selbst in die Position, dass wir einerseits unser Opfer(geworden)sein bestätigen (müssen) und eine Anerkennung (Wahr-nehmen und Umdenken) in genau dem Umfeld einfordern (müssen), das (noch) die alten Macht(missbrauchs)verhältnisse repräsentiert. Das ist die Zwickmühle.

    Ohne das breite öffentliche Zeugnis der Betroffenen (und ihren Zusammenschluss) hätten bis heute die Täterinnen und Täter in ihren Täter*innengemeinschaften die Macht, zu definieren, was sexualisierter Machtmissbrauch angeblich (nicht) sei, welche Folgen er angeblich (nicht) habe, wer sowas angeblich (nicht) macht, wer in solchen Fällen angeblich (nicht) lügt, dass es sich angeblich immer bloß um Wünsche/Verführungen der Kinder handelt (Psychoanalyse), dass es angeblich nichts Schlimmes sei, dass Kinder sowas angeblich vergessen, dass die Schäden angeblich eher durch die Reaktion der Umwelt entstünden, etc.pp.

    Und wir sollten uns nichts vormachen: Um diese Definitionsmacht ringen die Täterinnen und Täter (und ihre Unterstützer*innen) noch immer. Noch ist der Kampf nicht ausgestanden. Sie ringen darum als Mediziner*innen, als Psycholog*innen, als Politiker*innen und Gesetzgeber*innen (schließlich verursachen die Folgen Kosten), als Institution (Schule, Kirche, Sportorganisation, Universität, Projektbetreiberin, Kinderschutzorganisation, Partei, „humanitäre“ oder „wissenschaftliche“ Vereinigung, Zeitung, usw.), als Mutter und Vater, als Täter*innenunterstützer*innen, als Täter und Täterin. Sie ringen darum, weil für sie ALLES auf dem Spiel steht: die eigene Vergangenheit, Autorität, Reputation, das weitere Bestehen, Geld, das Selbstbild, die „Unschuld“, die Mitschuld, Einfluss, Macht, Bezugssystem, usw. Es geht um viel! Daher ist es nahezu logisch, dass sie immer noch und weiterhin alle Möglichkeiten nutzen, das Thema in ihrem Sinne zu besetzen. Durch „Diagnosen“, „Diagnosekataloge“, Symptombeschreibungen, Definitionen, Therapien, „Expertentum“, Bagatellisierung/Verkleinerung, Ignoranz/Verweigerung, öffentliche Schaumschlägerei bei gleichzeitiger tatsächlicher Blockadehaltung, machterhaltender Steuerung der Finanzmittel, usw.

    Mit unserem Nichtmehrschweigen (insbesondere als Masse) sind wir eine Bedrohung und dies löst bei denjenigen, die bisher (und immer noch) die Definitionsmacht haben, erst recht Bestrebungen zum Machterhalt aus. Und das alles in Strukturen, wo die alten Denkweisen noch so viel stärker verwurzelt sind als das neue Wissen, das wir Betroffene anzubieten haben. Wenn wir uns außerhalb dieser Strukturen stellen, wird sich nichts ändern, weil wir dann weiterhin denjenigen, die schon bislang durch ihre Definitionsmacht die Wahrheit unterdrückt haben, das Feld überlassen. Wenn wir innerhalb der Strukturen agieren, sind wir mit den alten, Machtmissbrauch legitimierenden und ermöglichenden Strukturen und Handelnden konfrontiert, die uns aus ihrem (berechtigten) Bedrohungsgefühl heraus in Schach halten, Reservate zuteilen, Entschädigungshäppchen zuwerfen, marginalisieren oder besser noch gegeneinander ausspielen wollen.

    Es braucht daher vermutlich – analog zum „Double-bind“ eine Doppelstrategie: Selbstermächtigung und damit auch Ermächtigung zu neuen wahreren Definitionen (hilfreich dabei: Solidarisierung unter den Betroffenen) einerseits und Konfrontation des (immer noch zu Verleugnung neigenden) Kollektivs, Entlarvung der Machtstrukturen sowie Sicherstellung der Abkehr von den kollektiven Selbstlügen durch Anerkennung der Wahrheit über sexualisierten Machtmissbrauch andererseits. Dazu benötigen wir noch einen langen Atem und vor allem Zusammenhalt.

    • Hallo Lilly,
      vielen Dank für deinen wirklich sehr anregenden Post. Ich brauchte eine Weile um über die verschiedenen Punkte in diesem Post nachzudenken. Und insbesondere zu deinem Fazit (ich nenn es jetzt mal Fazit, ich weiß gar nicht, ob du das so meintest), habe ich ein paar Fragen:
      Du schreibst:

      „Es braucht daher vermutlich – analog zum „Double-bind“ eine Doppelstrategie: Selbstermächtigung und damit auch Ermächtigung zu neuen wahreren Definitionen (hilfreich dabei: Solidarisierung unter den Betroffenen) einerseits und Konfrontation des (immer noch zu Verleugnung neigenden) Kollektivs, Entlarvung der Machtstrukturen sowie Sicherstellung der Abkehr von den kollektiven Selbstlügen durch Anerkennung der Wahrheit über sexualisierten Machtmissbrauch andererseits. Dazu benötigen wir noch einen langen Atem und vor allem Zusammenhalt.“

      – meinst du mit Double-bind die Zwickmühle zwischen sich aufs Opfer-Sein beziehen und kämpferisches Subjekt sein wollen?

      – Und wenn ja, verstehe ich die Doppelstrategie noch nicht so ganz. Es kommt mir so vor, als ob du von der Doppelstrategie zwischen nach Außen gehen und unter Betroffenen sich organisieren sprichst? Oder habe ich das falsch verstanden?

      – Grundsätzlich klingt die Idee einer Doppelstrategie für mich seht gut. Aber wie meinst du das im Einzelnen? Unter ‚einerseits neue Definitionen‘ finden kann ich mir (nur) ungefähr etwa vorstellen. Meinst du damit eigenen Definitionen dazu was (sexualisierte) Gewalt ist? Oder meinst du Definitionen dazu, was kämpferisch ist? Dazu empfinde ich die Solidarisierung unter Betroffenen auch als sehr hilfreich.

      – Das zweite, die andere Strategie verstehe ich nicht ganz, bzw. bin ich nicht sicher, was du meinst. Das Beobachten und Benennen (und hoffentlich Verstehen) von Strukturen, innerhalb derer (sexualisierte) Gewalt stattfindet, sehe ich als unbedingt notwendigen Weg dahin eigene Definitionen (aus Betroffenenperspektive) zu entwickeln. Aber was meinst du mit „…und Konfrontation des (immer noch zu Verleugnung neigenden) Kollektivs…“? Siehst du die Doppelstrategie darin einerseits sich unter Betroffenen zu organisieren und andererseits nach Außen zu gehen? Weil dann stehen wir wieder vor der selben Frage wie am Anfang des Textes. (Anerkannt von wem?). Wer ist das Außen? Wen meinen wir damit? Wer ist Teil des verleugnenden Kollektives (und wer nicht?). Und siehst du Betroffene als Teil des Kollektives oder als Außenstehend?

      Ich würde mich sehr freuen, wenn du Lust hast über dieses Medium weiter darüber zu diskutieren und sich auszutauschen. Und noch mal vielen Dank für deinen Post.
      Viele Grüße,
      Judith

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