Selbsthilfe: Potentiale, Vereinnahmung und Entpolitisierung

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag. Er erschien im November 2014 in: „Contraste – Die Monatszeitung zur Selbstorganisation“

Selbsthilfe: Potentiale, Vereinnahmung und Entpolitisierung

In eigener Sache gegen sexuelle Gewalt

Wir – eine Gruppe Betroffener von sexualisierter Gewalt in der Kindheit – haben uns nach dem Kongress »Perspektiven Selbsthilfe« im November 2012 gegründet. Wir sind unabhängig und selbstorganisiert. Unser Ziel ist es, eine politische Auseinandersetzung mit dem Thema zu fördern sowie den gängigen Darstellungen in den Medien und auf Veranstaltungen etwas entgegen zu setzen. Im März 2014 haben wir dazu einen Workshop mit dem Titel »Tun wir uns zusammen: gegen sexuelle Gewalt« veranstaltet und mit anderen Betroffenen über gesellschaftliche Ursachen und Folgen sowie politische Strategien und Auswege diskutiert. An verschiedenen Thementischen haben wir mit unterschiedlichen Fragestellungen erarbeitet, wie sowohl Ursachen als auch Folgen von sexueller Gewalt an Mädchen* und Jungen* individualisiert und somit entpolitisiert werden. Vereinfachung, Pathologisierung und Individualisierung verhindern eine Diskussion über gesellschaftliche Strukturen, die sexualisierte Gewalt ermöglichen und fortführen. In unseren Diskussionen waren auch die Möglichkeiten und Grenzen von Selbsthilfe ein wichtiges Thema.

Unser Verständnis von Selbsthilfe:
Selbsthilfe bedeutet für uns, gewaltverursachende Strukturen aufzudecken und perspektivisch zu überwinden. Selbsthilfearbeit als selbstbestimmte Möglichkeit, erlebte Gewalt zu bearbeiten, besitzt in unseren Augen ein großes gesellschaftskritisches Potential. In einer Gruppe von Menschen, die auf Augenhöhe miteinander sprechen, Redemacht egalitär verteilen und Deutungshoheit durch Selbstbeschreibung erfahrbar machen, können Hierarchien transparent gemacht und kritisiert werden. Jede Person kann in diesem Rahmen ihre eigenen Definitionen finden: für das, was ihr angetan wurde, und für die Folgen der Gewalt im aktuellen Leben. Es öffnet sich ein (Arbeits-)Raum für neue Erfahrungsmöglichkeiten miteinander. Die jeder*m zugestandene Fähigkeit, selbstverantwortlich zu sprechen, zu denken und zu handeln, bedeutet eine unmittelbare Erfahrbarkeit von gegenseitigem Respekt und Selbstermächtigung. Gesellschaftliche Machtverhältnisse und gewaltverursachende Strukturen können aufgedeckt und in Frage gestellt werden. So kann ein anderer, selbstbestimmter und egalitärer Umgang miteinander erlebt und erlernt werden. Diese emanzipativ und gesellschaftskritisch angelegte Definition von Selbsthilfe wieder in das Bewusstsein zu holen, ist dringend nötig, denn in den letzten Jahrzehnten wurde das Verständnis von Selbsthilfearbeit zunehmend entpolitisiert.

Entpolitisierung von Selbsthilfearbeit durch Pathologisierung von Betroffenen:
Der Ansatz wurde von einem Gesundheitssystem vereinnahmt, das mehrheitlich an Verhaltensnormierung und der Verteidigung des Status-Quo als wünschenswertem Gesellschaftszustand interessiert ist. Durch eine Neubesetzung des Konzepts wurde es möglich, Selbsthilfegruppen als kostengünstige Therapie(ersatz/ergänzungs)möglichkeit einer marktorientierten Logik einzuverleiben. Dabei wurde der ursprüngliche Ansatz gleichberechtigter Selbstorganisation teilweise auch durch angeleitete Gruppen ersetzt. Gewaltursachen und Gewaltfolgen werden dekontextualisiert und innerhalb eines von verdeckten und offenen Hierarchien durchzogenen Systems vermeintlich bearbeitet, anstelle eben dieses gesellschaftskritisch in Frage zu stellen. So gibt es heute zwar eine Anerkennung von Gewaltfolgen. Diese setzt allerdings eine (Selbst-)Pathologisierung von Gewaltbetroffenen voraus, z.B. durch die Diagnose »Posttraumatische Belastungsstörung«. Es geht dann nicht mehr um die erlebte Gewalt, sondern um Symptome, um auftretende Störungen. Die betroffene Person wird als krank definiert und muss sich selbst auch einer Diagnose unterordnen. Als Lösung wird dann eine Verarbeitung unter der Kontrolle von Expert*innen angeboten. Als Expert*innen gelten nicht etwa die Betroffenen selbst, sondern Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen. Gewaltbetroffenen wird so die Fähigkeit abgesprochen, eigenständig und außerhalb einer hierarchischen therapeutischen Beziehung mit der erlebten Gewalt umzugehen, Ursachen zu erkennen und Auswege zu entwickeln. Statt gesellschaftliche Macht- und Gewaltstrukturen als Ursache von Gewalt zu benennen und abzubauen, werden die Folgen der Gewalt individualisiert, kapitalistisch verwertbar und gesellschaftstragend gemacht: Der Markt für Traumabehandlung und -forschung boomt, wobei effizienzorientierten Kurzzeitbehandlungen und den dazugehörigen Erklärungsmodellen Priorität eingeräumt wird. Diese Entwicklung entspricht den Interessen von Pharmaindustrie und Neuromediziner*innen und wird dementsprechend gefördert. Viele ursprünglich autonom und gesellschaftskritisch arbeitende Projekte haben dem Entpolitisierungsdruck nachgegeben. Auch in der öffentlichen Debatte sind fast ausschließlich die Sichtweisen präsent, die Macht- und Gewaltstrukturen nicht in Frage stellen. Das Unsichtbarmachen und die fachliche Abwertung von gesellschaftskritisch widerständig denkenden und handelnden Betroffenen im öffentlichen Diskurs ist kein Zufall. Es entspricht den Interessen diverser Akteur*innen (von konservativen Eliten bis zu machtunkritischen Liberalen), denen durch eine Darstellung von sexueller Gewalt als gesellschaftlich-strukturelles Problem und ein Vorgehen gegen diese patriarchalen Strukturen ein Machtverlust drohen würde.
Fazit:
Deshalb ist es uns als Gruppe wichtig, der Entpolitisierung von Selbsthilfearbeit entgegenzuwirken und selbstbestimmte Frei- und Arbeitsräume zu verteidigen und lebendig zu halten. Dazu gehört auch, dass Betroffene, die sich den gängigen stigmatisierenden Opfer-Bildern verweigern und mit einem kritischen Verständnis Selbsthilfearbeit machen, hör- und sichtbar werden und so auch anderen Gewaltbetroffenen Mut genau dazu machen. Tun wir uns in diesem Sinne zusammen: gegen sexualisierte Gewalt!

2 Gedanken zu „Selbsthilfe: Potentiale, Vereinnahmung und Entpolitisierung

  1. Eine sehr interessante Seite!!! Aber wo ist euer Impressum, Eure Kontaktadresse??? Ist das nicht Pflicht für jeden Homepagebetreiber, um sich selbst abzusichern? Wer seid ihr? Ich bin selbst Betroffene frühkindlichem, familiären, sat. rit. Missbrauchs und von Natur aus misstrauisch, was ihr homepagebetreiber, die ihr selbst Betroffene seid, sicher verstehen könnt.
    Würde mich auf eine Antwort auf meine Fragen freuen.

    Lieben Gruß von Sarah Mohn (Pseudonym – versteht sich bei dem Hintergrund von selbst)

    • Vielen Dank für deinen Hinweis. Das sehen wir auch so wie du, es ist gut ein Impressum zu haben. Es war ein längerer Prozess für uns uns damit auseinanderzusetzen. Aber jetzt haben wir das Impressum online gestellt.
      Wer wir sind und näheres über uns, erfährst du unter ‚das ist Ansichtssache‘.

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