Wo beginnt Gewalt gegen Kinder? (Ein Puzzel – Teil 1)

Krieg bricht nicht in einer friedfertigen Gesellschaft aus, sexuelle Gewalt ist nicht die Störung ansonsten gleichberechtigter Geschlechterbeziehungen. Rassistische Attentate schießen nicht wie Blitze aus einem heiteren nicht-rassistischem Himmel, und die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist nicht einsames Problem einer sonst kindergerechten Welt.“ (Susanne Kappeler, Der Wille zur Gewalt, S. 16 in der 1. Auflage von 1994 )

Das Thema „Wo beginnt Gewalt gegen Kinder“ ist aus meiner Sicht sehr komplex mit vielen verschiedenen Betrachtungsebenen. Anfangs hatte ich den Plan, dazu einen Text zu schreiben. Doch im Schreibprozess wurde mir immer klarer, dass ich dies so gar nicht kann. Daher werde ich immer wieder mal über unterschiedliche Aspekte schreiben und vielleicht kann so aus den Puzzleteilen irgendwann ein Bild entstehen…..

Seit 26 Jahren lebe ich in Mitverantwortung für Kinder, in der Mutterrolle und als freigewählte Bezugsperson. Für mich war es immer ein wichtiges Thema, die Gewalt, die ich erlebt habe, nicht weiter zu geben. Im Laufe der gemeinsamen Jahre habe ich mit und durch die Kinder immer mehr begriffen, wie weitgehend, über das konkrete Zusammenleben hinaus, das Thema Gewalt gegen Kinder eigentlich ist. Die Gewalt beginnt sicher schon mit all den Mythen, die wir alle über Kinder und über Kindheit gelernt haben. Welches Bild von Kindheit, von Kindern und von begleitenden Erwachsenen wird uns vermittelt? Welches Menschenbild haben wir in Bezug auf Kinder? Einer dieser Mythen besagt beispielsweise, dass Kinder in Allem eigentlich unmündig sind und erzogen werden müssen. Was bedeutet das denn genau? Wozu oder wohin sollen Kinder „gezogen“ werden?

Es ist schon eine Weile her. Ich ging an einem kleinen Laden mit ausgewählten Spielsachen vorbei und mir fiel ein Aushang ins Auge. Da wurde allen Ernstes Frühförderung in englischer Sprache für Kinder ab drei Monate (!) angeboten. In der Folge bin ich immer wieder hingegangen, um den Aushang noch mal zu lesen. Denn Zuhause habe ich jedes Mal wieder an mir gezweifelt und angenommen, ich hätte mich verlesen.

Regalweise finden sich in Buchhandlungen Ratgeber, wie Kinder zum Schlafen und Essen „erzogen“ werden sollen.Tatsächlich können die meisten Kinder beides ganz selbstverständlich. Die Frage ist eine andere: passt das Schlafen und Essen der Kinder in die Welt der Erwachsenen? Und genau genommen schließt sich daran dann die Frage an, wer hat eigentlich diese Erwachsenenwelt konstruiert? Wie viel von unserem Zusammenleben ist von uns frei gewählt? Aber das sprengt dann doch den Rahmen dieses Textes. Ich würde deshalb gerne zum Thema „Kinder müssen Essen lernen“ zurückkommen. Bei den drei Kindern, mit denen ich intensiver zu tun hatte und habe, gab es von Anfang an sehr unterschiedliche Bedürfnisse. War das eine Kind auch schon ganz jung mit einem Teller Nudeln unheimlich zufrieden, so war es für das andere Kind von vornherein wichtig, immer von den Tellern der anderen zu essen und keinen „Extra-Brei“ zu bekommen. Für das dritte Kind war schon das gemeinsame am Tisch sitzen eine Quälerei und es „fiel“ ständig vom Stuhl….Für mich wird daran sehr deutlich, wie unterschiedlich wir alle eben von Beginn an sind, und dass diese unterschiedlichen Bedürfnisse auch jeweils die gleiche Berechtigung haben. Um es deutlich zu betonen: dies ist kein Aufruf, sich selbst im Kontakt mit Kinder völlig aufzugeben. Es ist unbedingt wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen und sie auch einem Kind zu vermitteln. Wenn ich schon Magenschmerzen habe von der Unruhe beim Essen, ist es absolut angebracht für mich Ruhe in die Essenssituation zu bringen. Der Ausgangspunkt ist hier allerdings nicht, dem Kind die „angemessene“ Form von Essen bei zu bringen, etwa auch um in Kita und Schule klar zu kommen. Sondern es bewegt sich auf der Ebene von einer Beziehung. Ich habe auch Bedürfnisse und Rechte und auch das Kind hat Bedürfnisse und Rechte. Es geht um einen Aushandlungsprozess, bei dem ich allerdings eindeutig mehr Macht habe und dies kontinuierlich mitdenken muss. Wie können wir unsere Rollen als begleitende Erwachsene anders definieren und das Leben mit Kindern zu einem gemeinsamen fairen Prozess werden lassen? Eine Wahrnehmung von Kindern als vollwertige Menschen mit den gleichen Rechten wie Erwachsene, fordert von mir als begleitende Erwachsene immer wieder grundsätzliche Fragen zu stellen. Fragen wie zum Beispiel: für wen ist es wichtig, dass das Kind durchschläft? Für das Kind? Für die (erschöpften) Eltern? Weil das Durchschlafen ein Maßstab für „erfolgreiche“ Elternschaft ist? Weil schon im Kindergarten/ Kinderladen ein bestimmter Schlafrhythmus gefordert wird? Oder auch: für wen oder was ist der schulische „Erfolg“ des Kindes wichtig? Für die Zukunft des Kindes (von der wir tatsächlich gar nichts wissen können..)? Für mich, damit ich als Mutter „erfolgreich“ bin? Für ein gesellschaftspolitisches System, dass Menschen mit bestimmten verwertbaren Fähigkeiten braucht? Und natürlich immer wieder die Frage nach dem Allerwichtigsten: was will und braucht denn tatsächlich das betreffende Kind jetzt und hier? Vielleicht ist es auch ein weiterer hilfreicher Ansatz, sich vor Augen zu führen, was Kinder tatsächlich nicht können. Ich denke, sie können sich tatsächlich nicht an die Strukturen halten, die die Erwachsenen vorgeben. Und viele dieser Strukturen dienen im Grunde nur zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Und dies auch an Punkten, die wir quasi als „naturgegeben“ hinnehmen. Deutlich wird dies am nur scheinbar banalen Beispiel des Straßenverkehrs. Natürlich habe ich als erwachsener Mensch die Verantwortung, ein Kind davon abzuhalten, vor ein Auto zu laufen. Und dies auch schnell und ohne Aushandlungsprozess. Für meinen grundsätzlichen Blick auf Kinder ist es aber wichtig, mir klar zu machen, dass es hier nicht per se dem Kind an Fähigkeiten mangelt. Tatsächlich ist die Ordnung des Straßenverkehrs eine gewalttätige, die verschiedenen übergeordneten Machtstrukturen folgt und von und für Erwachsenen geschaffen wurde.

Auch sexuelle Gewalt gegen Kinder entspringt gesellschaftlichen Macht-und Gewaltstrukturen, die von Erwachsenen erschaffen wurden und werden. Kein Kind, kein junger Mensch kann diese wirklich durchschauen und sich tatsächlich widersetzen. Und dennoch ist es nicht adäquat, das Kind an sich für völlig unmündig zu erklären. Kinder können sehr wohl Verantwortung tragen, aber nur für Dinge, für Strukturen, die sie selbst entwickeln. Mit der Postulierung der kindlichen Unmündigkeit werden Strukturen fortgeschrieben, die den Erwachsenen immer wieder die Macht über die Kinder gibt. Und dies liefert auch die Basis dafür, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder nicht ernst genommen wird, Kindern nicht zugehört wird und ihre Form, uns mitzuteilen, was ihnen angetan wurde, nicht verstanden wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.