Über die Forderung nach einem objektiven Urteil oder „erzähl mal was dir da genau passiert ist“ – TEIL I: Sich ein eigenes Bild machen

„Erzähl doch mal genau, was dir da eigentlich passiert ist.“ Solche Aufforderungen kennen viele Betroffene von sexualisierter Gewalt. Mal wird es subtil formuliert, mal anklagend, manche Formulierungen fauchen dir im Subton geradezu ein „ich glaube dir nicht“ entgegen. Und manchmal klingen solche Aufforderungen wohlwollend, versöhnlich und unterstützend. Doch in der Regel geht es darum, dass eine scheinbar außenstehende Person sich ein eigenes Bild machen, ein ‚objektiveres‘ Urteil‘ über die Situation fällen möchte. Schließlich geht es (meistens) um eine enge, vertraute oder irgendwie bekannte Person, die der sexualisierten Gewalt beschuldigt wird.
Beeinflusst von einer feministischen Wissenschaftsperspektive möchte ich hier darüber schreiben, inwiefern mit dieser Aufforderung zu erzählen Macht ausgeübt wird, die sich aus patriarchalen Strukturen speist und eben diese Strukturen aufrecht erhält.
Mir ist an dieser Stelle wichtig, zu betonen, dass ich hier von einer strukturellen Ebene spreche. Das heißt also, dass ich davon ausgehe, dass durch solche Formulierungen eine Struktur aufrecht erhalten wird, die ich ablehne. Dennoch können Einzelne es als sehr positiv erleben, dass sie durch z.B. eine solche Frage den Raum bekommen (oder sich nehmen), um von ihren Gewalterlebnissen zu sprechen. Wie kann ich aber unterscheiden, wann ich jemanden Raum nehme und wann gebe? Um das zu beantworten, halte ich es für sehr wichtig, sich die strukturelle Ebene und die Machtdynamiken, die damit verbunden sind, einmal genauer anzuschauen.

Das eigene Bild:
Betrachte ich Statistiken zu sexualisierter Gewalt, so muss ich dies mit Vorsicht tun. Die polizeiliche Kriminalstatistik ist in diesem Zusammenhang wohl die bekannteste, die sie jährlich aktualisiert wird und somit die meisten Daten vorliegen. Wie aussagekräftig diese Statistik ist, hängt davon ab, wie man im Vorfeld sexualisierte Gewalt definiert.1 Betrachte ich die polizeiliche Kriminalstatistik so zeichnet sich ein Bild nach dem weitaus mehr Frauen und Mädchen Betroffene sexualisierter Gewalt sind, als Jungen und Männer: 25,4% männliche Betroffene und 74,6% weibliche Betroffene. Auch scheint es mehr männliche als weibliche Täter_innen zu geben: 95,9% männliche und lediglich 4,1% weibliche. (Polizeiliche Kriminalstatistik aus dem Jahr 2013 über das Jahr 2012)
Hieraus zu schlussfolgern, sexualisierte Gewalt sei ein rein männliches Verbrechen, ist  zu kurz gedacht. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass sexualisierte Gewalt, wie sie sich uns gesellschaftlich präsentiert,  geschlechterspezifisch eingefärbt ist.
Vieleicht – und darum soll es in diesem Text gehen – ist nicht unbedingt, die Gewalt ‚männlich‘2 , sondern die Art, wie sie gesellschaftlich verhandelt wird.
Auch die Forderung nach einem objektiven Urteil ist  geschlechtlich eingefärbt, wie ich im Folgenden erläutern werde:
Eine Forderung nach einem objektiven Urteil im Zusammenhang mit sexualisierter  Gewalt findet sich in vielen Bereichen wieder, nicht zuletzt vor Gericht. Aber auch außerhalb dessen lässt sich der Wunsch und der Versuch unterschiedlicher Beteiligter beobachten, ‚Objektivität herzustellen‘: Oft stellen nicht nur Richter_innen und Polizist_innen die Frage danach, was denn im Einzelnen vorgefallen sei, sondern auch Familienangehörige, der Freund_innenkreis oder auch Psycholog_innen und Therapeut_innen. Hinter dieser Frage, die auf den ersten Blick  Anteilnahme auszudrücken scheint, steckt in der Regel das Bedürfnis, sich ein ‚eigenes Bild zu machen‘, wie oben erwähnt. Auch das mag auf den ersten Blick harmlos erscheinen, denn schließlich haben alle ein Recht darauf, sich ‚ihr eigenes Bild zu machen‘. Dennoch transportiert diese Frage bei genauerem Hinsehen mehr, als vielleicht vorerst beabsichtigt war.
Ich habe oft erlebt, dass mir (besonders von Therapeut_innen) versichert wurde, dass das Nachfragen als Unterstützung gemeint ist oder dass sie mir nur helfen könnten, wenn ich genau erzähle, was mir im Einzelnen passiert ist. Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, was bei einer solchen Frage noch alles passiert, außer dass diese Frage gestellt wird.
Auf eine betroffene Person hat diese Bitte zu erzählen in der Regel die Wirkung, dass die eigene Wahrnehmung abgesprochen wird. Dies geschieht, weil andere sich ein Urteil erlauben möchten, das unabhängig von der Wahrnehmung der betroffenen Person gebildet werden soll. Ein Infragestellen der Betroffenheit ist die Folge für die betroffene Person.

Das eigene Bild und die Objektivität:3
Warum denke ich, dass ein Infragestellen der Betroffenheit die Folge wäre? Die Annahme, die hinter der Aufforderung „erzähl mal was dir da genau passiert ist“, steckt ist, dass die Perspektive einer betroffenen Person immer subjektiv sei. Dem stimme ich zu – vernachlässigt wird hierbei allerdings, dass die Perspektive einer nicht-betroffenen Person nicht weniger subjektiv ist, sie nimmt lediglich die andere Seite der subjektiven Betrachtung ein, nämlich die subjektive Perspektive der Nicht-Betroffenen. Dem Phänomen, dass das Unmarkierte oft mit dem Objektiven verwechselt wird, sind verschiedene Autor_innen zu verschiedenen Machtverhältnissen bereits nachgegangen4 .
In Alltagsbegegnungen – wie oben erwähnt –  aber insbesondere in Gerichten kommt es oftmals zu Aufforderungen einer möglichst detailgetreuen Schilderung des erlebten Gewaltaktes.
Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Christine Künzel beschreibt, dass auch Erzählungen von sexualisierter Gewalt, ähnlich wie literarische Texte, gedeutet und interpretiert werden. Die Frage ist also immer wieder: Wer hat die Deutungshoheit über die Erzählung (die oft als Text zur Interpretation in Form von Zeug_innenaussagen dem Gericht vorliegt). (Vgl. Künzel 2003:12) Aber auch Familienangehörige und der betroffenen Person nahestehende Menschen versuchen sich diese ‚Texte und Erzählungen‘ zu beschaffen („erzähl mir mal genau was dir passiert ist“), um so die Deutungshoheit an sich zu reißen5 . Oft stehen dann Betroffene zwischen dem Versuch die Deutungshoheit nicht abzugeben, in dem sie sich weigern zu erzählen oder in dem sie ihre Erzählung auf die Deutung reduzieren („Sie_er hat mich sexuell missbraucht“).
Ein anderer Weg, die restliche Macht, die Betroffene noch haben zu behalten, ist zu versuchen die Deutung durch die Art der Erzählung zu steuern oder wenigstens Einfluss zu nehmen. Betroffene können sich dieser Dynamik schwer bis gar nicht entziehen. Da es eine ’neutrale Erzählung‘ in so einer Situation sowie so nicht mehr geben, weil durch dieses Ringen um die Deutungshoheit, lautet die transportierte Aufforderung: „erzähl mir, warum du die_der Geschädigte/Verletzte in der Situation bist“. Sie lautet nicht mehr „erzähl mir mal was dir passiert ist“, was sich auch als neutrale Frage verstehen ließe.

Der männliche Blick:
Christine Künzel beschreibt auch einen Zusammenhang zwischen einer männlichen Deutungshoheit und einer hieraus abgeleiteten vermeintlichen Objektivität (die sogar juristisch bindend ist).
Anhand von Schilderungen, die von Betroffenen vor Gericht berichtet werden,

„[…] lässt sich zeigen, dass auch die Vergewaltigungs-Erzählungen in einer bestimmten Produktions- und Deutungstradition und – ähnlich wie literarische Texte – unter dem Einfluss eines androzentrischen Deutungsprivilegs stehen, das man […] als »Verdoppelung des männlichen Blicks«, […] oder »Verdoppelung geschlechtsspezifischer Interpretation« […]  bezeichnen kann“. (Künzel 2003:12, Hervorhebung Judith)

Und dies

„nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass es auch im juristischen Diskurs im Wesentlichen um die Auslegung von Texten (Zeug[inn]enaussagen, Gutachten etc.), das heißt, um eine »justizielle Definitionsmacht«,[…] geht, lässt die Kritik feministischer Literaturwissenschaftlerinnen im Hinblick auf blinde Flecke im Kanon androzentristisch gepräger Textauslegungsverfahren auch auf den Rechtsdiskurs – insbesondere die Rechtsprechung in Vergewaltigungsfällen – übertragen“. (Künzel 2003:12)

Das bedeutet also, dass eine ‚Erzählung‘, wie oben schon vermutet, von einer betroffenen Person dazu genutzt werden muss, die subtile Unterstellung der Mitschuld, der alleinigen Schuld oder gar des Verdachts, dass alles erfunden sei, von sich zu weisen, um sich selbst als betroffene Person glaubhaft zu machen (Produktionstradition). Auch beim Zuhören wird nicht einfach übernommen, was erzählt wurde, auch hier finden Interpretationen statt, die historisch verwurzelt sind (Deutungstradition).
Die gesellschaftlichen Instanzen, die zur Beurteilung einer Straftat befugt sind (Gerichte, Polizei, z.T. Medizin), sind traditionell mit Männern besetzt und repräsentieren, auch historisch gesehen, den ‚männlichen Blick‘.
Die Betroffenen müssen also eine Erzählung formulieren, die an Männer gerichtet ist und von Männern interpretiert wird (Verdoppelung des männlichen Blicks). Hierbei ist es unerheblich,  in welchem Geschlecht die betroffene Person lebt und ob sich die Erzählung im Einzelfall auch tatsächlich an einen Mann richtet. Diese Denk- und Deutungsmuster sind tief verwurzelt und haben sich über die Jahrhunderte in ein gesellschaftliches Denken verankert, so dass niemand vollkommen frei von diesen Denktraditionen ist6 .
Ich lebe in einer Gesellschaft, in der Männer das Zentrum und der Maßstab der Norm sind (androzentristische Gesellschaft). Und wegen diesem Androzentrismus in dieser Gesellschaft liegt die Vermutung nahe, dass sich diese Art des Denkens und Urteilens auch aus den Gerichtssälen hinaus, bis hin zu den Erzählungen von Übergriffen im Privaten geschlichen hat, bzw. bereits vorhanden ist und sich im Juristischen dann wieder verfestigt. Umgänge wie sie in Konzepte der ‚Definitionsmacht‘ oder der ‚Community Accountibility‘7 zu finden sind, greifen an dieser Stelle ein und sind bemüht, alle Fragen, die eine Aufforderung zum Berichten des Gewaltaktes enthalten, im Vorfeld zu stoppen.  Diese Konzepte grenzen sich stark von der Vorstellung ab, es könnte ein Urteilen von außen geben, das für eine betroffene Person irgendwie hilfreich sein könnte.

  1. Wer näheres über das statistische Erfassen von sexualisierter Gewalt wissen möchte, kann das z.B. im ‚Handwörterbuch sexueller Missbrauch‘ von den Herausgebern Dirk Bange und Wilhelm Körner auf den Seiten 20 – 25 nachlesen. Auch ‚An einer Frau hätte ich nie gedacht…! – Frauen als Täterinnen bei sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen findet man spannende Überlegungen zu statistischen Betrachtungen und Dunkelziffern. []
  2. Wenn ich in diesem Text von männlich oder weiblich spreche, dann meine ich damit alles was mit männlich oder weiblich verknüpft wird (also das konstruierte Geschlecht) und nicht ein biologisches Geschlecht. Und wenn ich von Männern und Frauen spreche, meine ich damit die Menschen, die aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten (also weil die Welt ist wie sie ist),  in einem der beiden Geschlechter gelesen, statistisch erfasst, angegriffen etc. werden (was auch nicht mit einem biologischen Geschlecht zu verwechseln ist). []
  3. Ich diskutiere in diesem Text lediglich die gedachte Verknüpfung (und manchmal sogar Gleichsetzung) von Männlichkeit mit Objektivität. Es ließe sich aber genauso gut eine gedachte Verknüpfung von Objektivität mit z.B. weiß-sein oder jedem anderen Machtverhältnis im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt diskutieren, da diese nach wie vor nicht weniger wirkmächtig ist und ebenso historisch verwurzelt. []
  4. Obwohl es bestimmt auch in den (früheren) Geschlechterstudien, Wissenschaftsgeschichte etc. Ausführungen gibt, sind mir persönlich hierzu insbesondere Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Rassismus bekannt: Zum Beispiel Grada Kilomba: Plantation memories. Und hier insbesondere der Text ‚Who can speak‘ S.24 – S.37. (Das Buch ist auf englisch.)
    Ich habe bisher leider noch keine Texte gefunden, in denen dieses Phänomen im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt diskutiert wurde. []
  5. Es ist mir an dieser Stelle wichtig, noch mal darauf hinzuweisen, dass es einen sehr großen Unterschied gibt zwischen einerseits einer Betroffenen den Raum zu lassen (und in manchen Kontexten auch zu geben), um von ihren Gewalterlebnissen zu berichten oder andererseits sie aufzufordern etwas zu erzählen. Bei Ersterem bleibt die Selbstbestimmung bei der betroffenen Person. []
  6. Einige Argumente, die ich hier aufführe und einige Dynamiken, die ich hier beschreibe, mögen auch für andere Orte und/oder andere Zusammenhänge relevant und schlüssig sein und andere wiederum nicht. Meine Ausführungen und Recherchen zum Thema beziehen sich hier aber nur auf den deutschsprachigen Raum. []
  7. Sehr kurz zusammengefasst sind dies beides Praxen, in denen Benennungen von Gewalt von einer betroffenen Person nicht in Frage gestellt werden, sondern nur Betroffene entscheiden, was sie als was wahrgenommen und dementsprechend benannt haben wollen und was sie als nächstes zu ihrer Unterstützung brauchen. Der Gedanke dahinter ist, das tradierte Machtverhältnis im Ringen um Glaubwürdigkeit (zwischen Täter_innen und Betroffenen) und im Ringen um Entscheidungs- und Benennungsmacht historisch erstmalig(?) zu Gunsten von Betroffenen umzudrehen. []

Ein Gedanke zu „Über die Forderung nach einem objektiven Urteil oder „erzähl mal was dir da genau passiert ist“ – TEIL I: Sich ein eigenes Bild machen

  1. Ich habe es durchaus auch schon als sehr hilfreich erlebt, dass andere das, was mir passiert ist und wovon ich berichtet habe, als (sexualisierte) Gewalt benannt haben. Ich habe also gewissermaßen ein Urteilen von außen als hilfreich erlebt. Insofern kann ich nicht mitgehen, wenn sich pauschal von der Vorstellung abgegrenzt wird, “es könnte ein Urteilen von außen geben, das für eine betroffene Person irgendwie hilfreich sein könnte”. (Das heißt nicht, dass ich nicht auch Situationen erlebt habe, in denen mir die Realität der erlebten Gewalt abgesprochen wurde und die ich dementsprechend ziemlich beschissen fand.)

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