Über die Forderung nach einem objektiven Urteil… TEIL II: Hat Objektivität ein Geschlecht und was hat das mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu tun?

Im ersten Teil habe ich über den Wunsch geschrieben, sich vom Gewalthergang ein eigenes Bild machen zu wollen und warum dies für Betroffene in der Regel keine Unterstützung bietet. Hier soll es nun um die Vorstellung von Objektivität als etwas geschlechtsneutrales gehen, sowie um die Bedeutung dessen für Betroffene.

Was erzählt die Erzählung:
Es kommt dennoch immer wieder zu Situationen, in denen Betroffene zum Berichten des traumatischen Erlebten genötigt werden. Dann wird die Frage, wie diese Erzählungen nun gedeutet werden, von enormer Wichtigkeit für den weiteren Verlauf.
Wenn jemand von sexualisierter Gewalt berichtet, so geschieht dies immer im Spannungsverhältnis zwischen der aktuellen und auf diesen Ort bezogene Definition von Gewalt und dem was die Betroffene als Gewalt erlebt hat. Mal passt die eigene Wahrnehmung und die Vorstellungen darüber was als Gewalt gilt zusammen und mal nicht. Oder anders ausgedrückt: Gewalt wird nicht als Gewalt angesehen, weil sie stattfindet oder weil sie als solche benannt wird, sondern es braucht immer einen zweiten Akt der sozialen und kulturellen Anerkennung (vgl. Künzel 2003:15)
So spielt es für die Einordnung und Beurteilung einer Gewalttat nach wie vor eine große Rolle, zu welchem historischen Zeitpunkt und wo in welchem kulturellen Kontext sie betrachtet wird.
Das heißt also, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt erst einmal in einem hohen Maß auf die Deutung von Anderen zu ihren Gunsten angewiesen sind. Wenn nun also Fragen gestellt werden, die darauf abzielen, zu erfahren, was denn genau passiert sei – Fragen also, bei denen es darum geht, den Tathergang zu schildern – bleibt die Abhängigkeit zu einer Bestätigung von Außen, wenn die betroffene Person Unterstützung, bzw. Schutz haben möchte.
Wenn wir z.B die Konstellation haben, dass eine Frau die Betroffene von sexualisierter Gewalt ist und ein Mann die sexualisierte Gewalt ausübt, ist eine der erschwerenden Hürden hierbei die Annahme, dass ein passives, vermeintlich ‚weibliches‘ Verhalten, zum heterosexuellen ‚Liebesspiel‘ dazu gehöre. Denn die Einstellung, dass Frauen, wenn sie von sexualisierter Gewalt betroffen sind, die Gewalttätigkeit des Mannes nur zum Schein abgewehrt haben (vgl. Künzel 2003:123)

„[…] gehört  bis heute zu den klassischen Stereotypen bei der Wahrnehmung und Beurteilung sexueller Gewalt.“ (Künzel 2003:123)

Es geht also auf der einen Seite um ein Ringen um Glaubwürdigkeit auf Betroffenenseite und auf der anderen Seite, um die Idee einer objektiven Prüfbarkeit der Glaubwürdigkeit auf der ‚Nicht-betroffenen‘ Seite, bzw. auf der Seite derer, die sich als außenstehend betrachten. Es geht also darum, dass jemand von außen (objektiv) darüber urteilen soll, ob und inwieweit eine Betroffenheit vorliegt oder eben nicht, ohne dass dabei beachtet wird, dass Vorstellungen über Gewalt immer auch eine historische und räumliche Komponente haben.
Sogar in linken Zusammenhängen, Familien und Freund_innenkreisen geht eine solche ‚Prüfung‘ oftmals allen nächsten Schritten voraus. Deutlich wir dies unter anderem daran, dass auch hier oft von ‚Fällen‘ gesprochen wird, wenn sich über Menschen und ihre Erlebnisse ausgetauscht wird; ganz so, als könnte irgendjemand über irgendetwas urteilen oder wir uns im Gericht befinden würden. Das scheint insbesondere dann stattzufinden, wenn verschiedene Ereignisse miteinander verglichen werden, dann scheint auch in der Linken jede_r von einem ‚Fall‘ zu wissen. Und ganz beiläufig erheben wir uns in unseren eigenen Erzählungen zu Richter_innen.
Die Idee sich ein möglichst objektives Bild zu machen, soll der Wahrheitsfindung dienen.
Objektivität – und die damit verknüpfte (Findung von) ‚Wahrheit‘ – wird nach wie vor höher gewertet als Subjektivität – und das damit verknüpfte Wissen über sich selbst.
Im Jahr 1911 beschrieb der Soziologe Georg Simmel eine Verknüpfung von Objektivität und Männlichkeit

„[…] die Gerechtigkeit des praktischen Urteils und die Objektivität des theoretischen Erkennens […] all diese Kategorien sind zwar gleichsam ihrer Form und ihrem Anspruch nach allgemein menschlich, aber in ihrer tatsächlichen historischen Gestaltung durchaus männlich. Nennen wir solche als absolut auftretenden Ideen einmal das Objektive schlechthin, so gilt im geschichtlichen Leben unserer Gattung die Gleichung: objektiv = männlich.’“ (Simmel (1911) nach Keller 1986:80, Hervorhebung Judith))

Auch wenn Simmel diese Aussage bestimmt nicht zur Stärkung von Betroffenenperspektiven oder sonst wie feministisch nutzen wollte, drückt er in diesem Zitat sehr anschaulich aus, dass Objektivität historisch geprägt ist. Auch wenn eine völlige Gleichsetzung von Objektivität und Männlichkeit in dieser extremen Form so nicht gilt, so ist doch die von Simmel formulierte Vorstellung dieser Verknüpfung auch ein Jahrhundert später noch wirkmächtig. Die Vorstellung über Objektivität sollte also nicht als neutral und damit geschlechterunabhängig betrachtet werden.

Geschlechter- und Betroffenenstereotype:
Natürlich darf in dieser Diskussion  nicht vergessen werden, dass nicht ausschließlich Frauen (und Mädchen) Betroffene sexualisierter Gewalt sind. Dennoch ist nicht zu verkennen, dass eine geschlechterbezogene Konnotation auch in der Diskussion um sexualiserte Gewalt existiert. So vermute ich z.B., dass auch Jungen und Männer, wenn sie von sexualisierter Gewalt betroffen sind, von einer sexistischen Denkweise beeinflusst sind, bzw. sich gegen diese im Außen zur Wehr setzen müssen. Nach wie vor wird Unterlegenheit und Schwäche mit Weiblichkeit gleichgesetzt und hat somit auch auf ein männliches Opferstereotyp Einfluss.
So werden in der Öffentlichkeit weiterhin Betroffene als schwach, subjektiv, unfähig klar zu urteilen, zweitrangig und weiblich bei der Diskussion um sexualisierter Gewalt gedacht und dargestellt. Tatsächlich gibt es, wie eingangs beschrieben, statistisch gesehen mehr betroffene Frauen als Männer. Da stellt sich mir die Frage: Ist der Grund für die geringere Zahl  von betroffenen Männern innerhalb von Statistiken, z.B. im Bezug auf Anzeigen vielleicht die Verknüpfung von Betroffen-Sein und allem Schlechten, das in ‚weiblich‘ und ‚Betroffenheit‘ mitschwingt? Oder anders formuliert: Gibt es vielleicht gar nicht weniger sexualisierte Gewalt gegen Männer als gegen Frauen? Ist der historische und kulturelle Kontext der Grund, aus dem es so erscheint?
Auch wenn dies der Fall wäre, so würde dies nur noch mehr darauf hindeuten, dass es eine gedachte Verknüpfung zwischen Weiblichkeit und Betroffenheit, sprich ‚irrational‘, ‚zu subjektiv‘, ’schwach‘ etc. gibt. So sind auch Jungen und Männer, wenn sie von sexualisierter Gewalt betroffen sind, innerhalb sexistischer Denkweisen mit Stereotypen über ihre Betroffenheit konfrontiert.
Und so stellt sich auch weiterhin sexualisierte Gewalt als

„das geschlechtsspezifischste aller Verbrechen“ (Tempkin (1987) nach Künzel 2003:17), dar.

Unabhängig von der Frage, gegen welches Geschlecht, bzw. gegen welche Geschlechter sich die tatsächlich stattfindende Gewalt überwiegend richtet, ist es wichtig zu verstehen, dass eine kollektiv gedachte Wirklichkeit sehr stark die Deutungen der realen Gewalterlebnisse beeinflusst.

Die Wahrheit und das Männliche:
Evelyn Fox Keller geht in ihrem Buch „Liebe, Macht und Erkenntnis“ auf die Verknüpfung des Objektiven und des Männlichen ein1.

„Nachdem die Wissenschaftsideologie die Welt in zwei Teile geteilt hat – den Wissenden (den Geist) und das Wißbare (die Natur) -, schreibt sie nun weiterhin die sehr spezifische Beziehung zwischen den beiden vor. Sie schreibt die Interaktion vor, die diese Vereinigung zustande bringen können, das heißt, die zur Erkenntnis führen können. Nicht nur ist dem Geist und der Natur ein Geschlecht zugewiesen, sondern durch die Charakterisierung des wissenschaftlichen und des objektiven Denken als männlich wird der gesamte Handlungszusammenhang, durch den der Wissende eine Erkenntnis erlangen kann, ebenfalls geschlechtsspezifiziert.“ (Keller 1986:84; Hervorhebung Judith)

Das heißt also, dass auch im Kontext sexualisierter Gewalt ein objektives Prüfen und Urteilen kein neutrales Vorgehen darstellt, sondern dass bereits im Versuch, diesen Weg zu gehen, eine historisch gewachsene geschlechtliche Perspektive eingenommen wird.
An späterer Stelle heißt es bei Keller:

„[…] das Festhalten an einer objektivistischen Erkenntnistheorie, in der die Wahrheit nach ihrem Abstand von der Subjektivität bemessen wird, [muss] überprüft werden, wenn sich herausstellt, daß aufgrund dieser Definition die Wahrheit selbst einer Geschlechtsspezifik unterworfen wird. Es ist wichtig herauszustellen, daß das eben Diskutierte ein System von Glauben und Meinen über die Bedeutung von männlich und weiblich darstellt und nicht irgendwelche anlagebdingten oder aktualisierten Unterschiede zwischen männlich und weiblich.“  (Keller 1986:93; Hervorhebung Judith)

Feministisch wissenschaftlich betrachtet bedeutet das also, dass letztendlich die Wahrheit selbst männlich konnotiert ist, zumindest solange sie „nach ihrem Abstand von der Subjektivität bemessen wird“.
Dem bereits oben erwähnten Konzepten der ‚Community Accountibility‘ und ‚Definitionsmacht‘ ist es durch die konsequente Parteilichkeit und der Idee, die Macht über die Definition des Geschehenen bei der betroffenen Person zu lassen, gelungen, der tradierten gedachten Verknüpfung von Objektivität, Wahrheit und Männlichkeit auf der einen Seite und Subjektivität, Unwahrheit und Weiblichkeit auf der anderen Seite etwas entgegenzusetzen.

Was bringt es also nachzufragen?
Ich finde, es bringt eine Menge, denn wie immer wieder zwischen durch erwähnt, kann so ein Nachfragen tatsächlich den Raum öffnen, damit Betroffene endlich nach ihren Regeln erzählen können.
Und das soll auch die Hauptaussage dieses Textes sein. Es geht nicht um eine Fragetechnik oder um die beste Formulierung, sondern um eine innere Haltung, aus der sich Handlungen und Formulierungen ergeben.
Deshalb, frage dich ganz ernsthaft:

Was ist der Grund meines Nachfragens:

Rede ich mir ein, dass es gut sei, wenn die betroffene Person (mir) von ihren Erlebnissen erzählt (weil sie es dann angeblich besser verarbeiten kann)? Geht es mir vielleicht um meine (voyeuristische) Neugierde? Denke ich, ich könnte nur unterstützen, wenn ich über die Einzelheiten des ‚Tathergangs‘ bescheid weiß? Will ich möglicherweise meine eigene Machtposition innerhalb einer Logik von Hilfegeben und -nehmen nicht aufgeben?

Auch ohne bestehende alternative Konzepte, finde ich es wichtig, sich ehrlich zu fragen, welche Absicht steckt dahinter, wenn ich eine_n Betroffene_n bitte „erzähl mal was dir da genau passiert ist“.

  1. Ihre Auseinandersetzungen beziehen sich nicht auf die Diskussion um sexualisierter Gewalt, sondern auf feministische Wissenschaftskritik. Ich finde es aber für diese Diskussion durchaus passend. []

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