Ein_e Freund_in…

…hat uns diesen wundervollen Text für unseren Blog zur Verfügung gestellt. Wir finden, dass hier auf literarisch kunstvolle Weise Dynamiken im Umgang mit sexualisierter Gewalt deutlich beschrieben werden.

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sexueller missbrauch, sagt bors zu der mutter und der grossmutter, davon redet ihr doch. nicht mal aussprechen könnt ihrs.

 

ein enkel sagt im krankenhaus seinem grossvater, dein leben hatte keinen sinn. du bist nur scheisse. ich werde um dich nicht trauern. du hast dich nur sicher und gut gefühlt, und andere menschen kaputt gemacht. ich bin erleichtert, dich jetzt hier so liegen zu sehen und zu wissen, dass du nie mehr aufstehen wirst.
sei still sagt der andere mensch. du hast keine ahnung. du urteilst über dinge die du nicht verstehst. ich dachte, wenn du etwas von mir hättest mitnehmen können, wäre es gewesen nicht zu urteilen.
es ist einfach, nicht zu urteilen, wenn du immer zuoberst bist. sagt der enkel und geht. der grossvater stirbt. der enkel geht zu seiner grossmutter und fragt direkt, wie hast du es mit diesem menschen ausgehalten. du warst oder bist doch irgendwie feministisch. wie hast du mit diesem menschen leben können so lange. die grossmutter sagt, lass mich damit jetzt in ruhe. dein grossvater liegt im sterben. wir reden in ein paar monaten darüber, aber jetzt lässt du mich in frieden damit! mir wurde immer gesagt, grosskinder seien sanfter mit ihren grosseltern als die kinder es je waren, aber vielleicht weil du bei uns aufgewachsen bist, du warst es jedenfalls nie. ich sage jetzt sogar er zu dir. weil ich das mit dem kein pronomen einfach nicht hinkriege. in meinem alter. dein grossvater hat es auch gemacht. wieviel mehr respekt können wir dir denn noch entgegenbringen, du der du uns nicht einen tropfen davon übrig hast.
der enkel wird laut, das ist kein scheiss respekt, dass ist selbstverständlich. dieses argument jetzt hier einzubringen ist nur mies. und schwach. weisst du, sagt die grossmutter, mir wurde oft genug gesagt ich sei schwach. aber du hast recht. es ist ein mieses argument. das, aber nur genau das, tut mir leid, und jetzt verschwinde.
der enkel steht auf der strasse, auf dem boden liegen kleine äpfel die schon vom baum gefallen sind. er bückt sich und wirft sie ans gartentor. drei, vier wirft er und geht dann.
als er nochmal bei seinem grossvater vorbei gehen will, ist dieser schon tot. wird ihm mitgeteilt. grad vor wenigen minuten. aber gut dass er hier sei, ob er seine familie anrufen wolle. kurz will er sagen, meine richtige familie interessiert das nicht, die kannten das alte arschloch zum glück nicht, und mit den menschen, die sie meine famillie nennen, möchte ich nicht reden. er ruft an, ich bins. er ist tot. ich komme. gut. ich gehe.
woher kann er so eine wut nehmen, fragt die grossmutter in der nacht den pflegefachmenschen, während sie auf die richtigen dokumente warten. ich weiss nicht, was mit ihrem jungen los ist, sagt diese. wissen sie, wenn es ein mädchen wäre, dann könnte man sich da ja schon was denken. aber bei jungs ist das schon viel seltener. sagen die statistiken. aber natürlich auch nicht unmöglich.
er war ein mädchen, sagt die grossmutter, also nein, falsch, er war kein mädchen aber er hatte einen körper, so dass wir ihm alle mädchen gesagt haben. oder so. vielleicht hatte er auch keinen solchen körper, ich glaube wir haben irgendwie seinen körper so gemacht oder so was. ich weiss es jetzt auch nicht genau, jedenfalls weil alle so getan haben als wäre er ein mädchen – ich hoffe ich formuliere das jetzt richtig – weil wir alle so getan haben weil wir das gedacht haben weil in unseren augen sein körper halt so aussah, naja jedenfalls deswegen hat er schon viele der erfahrungen vermutlich gemacht, die ein mädchen so macht. er ist auch kein junge heute, er findet das alles doof, aber ich sage er weil ich schwierig finde, nichts zu sagen, weder er noch sie.
hmm. sagt der pflegefachmensch. das ist jetzt vermutlich der schlechteste moment, über so was nachzudenken. es ist mir nur durch den kopf gegangen. warum manche mädchen, jungs, manchmal sehr wütend sind auf männliche personen die in ihrer kindheit, naja, da waren. es kommt halt doch sehr häufig vor. sie verstehen. die grossmutter nickt. der enkel zieht durch die strassen und weiss nicht so recht wohin mit sich. die grossmutter probiert ihre tochter zu erreichen, aber die antwortet nicht. dort geht bors hin.
bors setzt sich neben die frau, sie gucken gemeinsam nachrichten. nur scheisse, sagt er. dein vater ist tot, sagt er. die mutter guckt ihn an, kurz, sagt, ja ich dachte es schon. ich gehe dann später vorbei, aber ich brauche noch ein bisschen zeit. bist du traurig, fragt er, sie sagt, nein. du, fragt sie, er sagt auch nein. ich habe zwei drei schöne erinnerungen, das schon, aber die sind irgendwie eh schon im arsch wegen all der schlechten. ich will die auch gar nicht haben. ich glaube auch nicht daran, sagt sie, dass man in allen menschen auch das gute sehen muss und so. nicht mehr. früher hat mich sehr viel sehr traurig gemacht. abgrundtief. jetzt irgendwie schon lange nicht mehr. ich weiss, sagt bors.
ich glaube, ich habe dich nie sehr traurig gemacht. weiss nicht, sagt die mutter. irgendwie schon. aber ich kann das gar nicht mehr so weit zulassen, wie ich das früher konnte. vielleicht gut, vielleicht scheisse, jedenfalls ist es so. jedenfalls bist du noch da, und scheinst so ganz ok zu sein mit dir und allem, sagt bors. ja. aber manchmal denke ich schon, vielleicht auf deine kosten. ich bin so hart. da hat dir bestimmt viel gefehlt oder so. das hat dir bestimmt alles schwer gemacht. hmm. sagt bors. weisst du, einerseits warst du manchmal weich. einfach nur sehr selten. und nicht so vorhersehbar. und andererseits bist du glaube ich einfach nicht meine mutter. tut dir das weh zu hören. ja, schon, sagt sie. aber ich komme klar, ne. sie lacht. er lacht auch. ich meine nur, ich bin halt irgendwie aus deinem bauch gekrochen, aber mehr muss man dazu eigentlich auch nicht sagen, zu der mutter kind beziehung. seitdem sind wir freunde. oder bekannte. mal mehr mal weniger. das stimmt so nicht, sagt sie. die ersten jahre als du bei mir warst waren schon anders. da warst du sehr klein und nicht mein freund. aber was will ich sagen. du musst glaube ich deine geschichte selber so erzählen, wie es für dich am besten ist, oder. ich werde dir da nicht reinreden.
manchmal denke ich, und das ist vielleicht unfair, aber man sagt ja, das grosskinder zu ihren grosseltern viel grosszügiger sind als zu ihren eltern. vielleicht ist das bei uns halt anders. weil du bei denen aufgewachsen bist und nicht bei mir. hmm. sagt er. du bist jedenfalls sehr grosszügig zu mir. weisst du, ich bewundere deine grosszügigkeit. mit menschen. hast du das gewusst. hmm sagt er. halb verstehe ich was du meinst, vielleicht. naja. denkst du, du solltest jetzt bei ihnen vorbeischauen. ja, sagt sie. aber jetzt ist es nur noch bei ihr. bleibst du hier. ja, sagt er. ich gucke den film, der gleich kommt.
die ältere frau und die jüngere frau sind also zusammen im krankenhaus, warst du hier, fragt sie, als er gestorben ist, nein, sagt die grossmutter, bors hat mich angerufen. aber er war nicht bei ihm, oder. nein. ich glaube nicht. er war vorhin bei mir, sagt sie. er ist wütend. sagt die grossmutter. er ist sehr wütend und ich weiss nicht genau warum. bei mir war er ruhig. bei dir ist er immer ruhig. bist du traurig, fragt sie, die grossmutter sagt, ja. ich glaube schon.
er war doch wie ein vater für bors. er hätte doch wenigstens. naja, wenigstens hier bleiben können. mit uns. eben er war wie ein vater, wiederholt sie. nicht alle mögen ihre väter. bist du traurig, fragt die grossmutter, ihre tochter sagt ja. er war mein vater weisst du. bors würde jetzt sagen, scheiss auf familie, aber irgendwas machts dann halt doch. denkst du, fragt die grossmutter nach sehr langem schweigen, denkst du, der grossvater war nicht korrekt mit bors. nicht korrekt? die krankenschwester hat sowas angedeutet. sie hat gesagt, viele mädchen sind wütend auf ihre väter. bors ist kein mädchen, sagt die mutter laut und streng. hast du gehört? ich weiss, sagt die grossmutter schnell. natürlich weiss ich. das habe ich auch zuerst gesagt. aber es ging halt ums aufwachsen und so. weisst du, und bors wurde ja von uns schon – vermutlich leider, vermutlich sehr leider – als mädchen angeguckt. und sie hats so gesagt, dass es schlimm klang. du weisst schon. darüber denke ich jetzt nach. seit ich hier sitze. denkst du? dein vater? meinen vater habe ich mir nicht ausgesucht, sagt die tochter, aber du dir deinen mann schon.
aber denkst du, fragt die grossmutter erneut. wenn ich das gedacht hätte, mutter, hätte ich bors nie zu euch gegeben. aber wissen tut mans nie. wir müssten bors fragen. ich kann das nicht, sagt die grossmutter, ich auch nicht, sagt die tochter, dann werde ich es können müssen, sagt die grossmutter. als sie die richtigen papiere haben, gehen sie zu der mutter. der fernseher läuft. da seid ihr ja gleich beide, sagt bors, meine kernfamilie. alle die geblieben sind auf einmal. wir wollen mit dir reden, sagt die grossmutter, bors guckt erstaunt, gespielt, weil ich nicht da war? was für ein schlechtes kind und kindeskind ich sei. nein, sagt sie. ich gucke einen film, sagt bors. reden wir ein anderes mal. es geht um dich und deinen grossvater, es geht darum, woher so viel wut in dir kommt. wir haben uns gefragt, nunja, gabs irgendwas doofes zwischen dir und ihm. das haben wir uns halt gefragt. gabs irgendwas nicht doofes, fragt bors zurück. ja aber weisst du, was schlimmes, meinen wir. weil, naja, du wurdest ja lange als mädchen angesehen. und da passieren ja manchmal dinge. bors steht auf der stelle auf. in der türe dreht bors sich um, sagt, nein, es passieren nicht dinge, dinge werden gemacht. und wisst ihr was, heute ist ungefähr der unangebrachteste tag das zu fragen. vor zwanzig jahren wäre vielleicht angebracht gewesen. oder vor zehn, auch noch ok. aber grad heute. hat sich ja. das problem von selbst erledigt. nicht. bors geht.

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