Räume zur Selbstdefinition

Als ich Mitte der achtziger Jahre eine  Selbsthilfegruppe für Frauen, die in der Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben, besuchte, hatte keine von uns Teilnehmenden je von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) oder überhaupt vom Begriff  „Trauma“ gehört. Wir trafen uns einmal in der Woche und genossen es, zusammen zu sein und einfach zu sprechen. Darüber zu sprechen, was im hier und jetzt für uns jeweils schwierig war und auch, in einem vorsichtigen Prozess, was uns eigentlich angetan worden war. Es war wie ein endlich nach Hause kommen, endlich bei sich selber ankommen. Irgendwann erreichte uns ein Brief einer anderen Gruppe irgendwo aus der damaligen BRD. Sie fragten uns, nach welchen Büchern, Programmen, Vorgaben wir arbeiten würden. Wir waren erstaunt. Es war uns nie eingefallen, nach „irgendwelchen Vorgaben“ zu arbeiten. Im Gegenteil: es war eben genau die Freiheit uns ohne vorgefertigte „Schubladen“ selbst finden zu können. Es tat gut, in eigenen Worten, die sich manchmal erst mit Hilfe der anderen formen konnten, zu sagen was war und auch was ist. Und es tat gut zu hören: „ja, das Problem kenne ich auch.“ Oft reichte genau das schon. Da saß mir eine Frau gegenüber, die ich mochte und respektierte und sie hatte ganz ähnliche Probleme. Dies von dieser konkreten Person im direkten Kontakt zu hören, war erleichternd. Manchmal hatte die andere auch Ideen wie eine anderer Umgang mit diesen Schwierigkeiten funktionieren könnte. Auch das war hilfreich. Aber zentral war es, zu erfahren, dass ich kein Alien, keine Außerirdische bin, was ich bis dahin mein ganzes Leben geglaubt hatte. Keine von uns hatte Bekanntschaft mit der Diagnostik des psychiatrisch-schulmedizinischen Systems gemacht.

Ende der achtziger/ Anfang der neunziger Jahre sickerte dann mehr und mehr die Diagnose PTBS und der Begriff Trauma in den Mainstream. Ich dachte zunächst, dies wäre eine Fortschritt. Meine Vorstellung war, dass die Folgen von sexueller Gewalt in der Kindheit endlich anerkannt würden und das Menschen, die mit den Folgen fertig werden müssen, nicht mehr als Kranke oder Gestörte eingeordnet werden würden. Beide Hoffnungen haben sich leider nicht erfüllt.
Wenn sich heute von sexueller Gewalt  betroffene Menschen in Selbsthilfegruppen oder ähnlichem treffen, dann geht es häufig um die erhaltenen Diagnosen und um mehr oder weniger als erfolgreich erlebte Psychotherapien, am liebsten Traumatherapien. Der Freiraum der Selbstdefinition ist sehr viel kleiner geworden.

Während der Kindheit und Jugend kann die Person, die den sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist, die Gewalt und die Konsequenzen daraus nicht selber benennen. Wenn sie sehr jung ist, kann sie sie unter Umständen nicht einmal selbst erkennen. Die Person hingegen, die die Gewalt ausübt, wird die Taten in aller Regel auch definieren. Mehr oder weniger ausgesprochen, wird sie deutlich machen:“ es ist doch gar nicht schlimm“, „du möchtest das doch auch“, „das hast du so verdient“,„es passiert gar nicht wirklich“ und noch Vieles mehr. Meist konstatieren dann auch die Täter und Täterinnen, dass ihre Taten natürlich keine weiteren Folgen für die Opfer haben. Hat der Mensch, welcher der Gewalt ausgesetzt war, später Probleme, so liegt es also an der Person selbst. Sie ist dann halt einfach verrückt, durchgeknallt, heruntergekommen und so weiter…

Aus meiner Sicht ist eine Facette der Diagnose PTBS und des Hantierens mit dem Begriff „Trauma“ auch eine Fortsetzung dieser Fremddefinition. Nun sagt nämlich das Diagnosemanual und Professionelle aus dem psychiatrischen Umfeld welche Probleme ich habe. Und so wird auch festgeschrieben, dass Betroffene Symptome haben, dass sie „gestört“ sind. Was ist aber, wenn ich keins dieser Symptome habe? Wenn ich ganz andere Schwierigkeit in meinem Leben habe oder auch keine? Passe ich also nicht in das Diagnoseschema, dann ist mir wohl nicht wirklich was passiert. Auch dies ist eine Dynamik zur Relativierung der ausgeübten Gewalt: „Du hast nur dann wirklich Gewalt erlebt, wenn Du entsprechende Schwierigkeiten in Deinem jetzigen Leben hast.“
Die betroffene Person kann sich nun der Fremddefinition unterwerfen, dann wird unter Umständen die erlebte Gewalt anerkannt. Oder sie grenzt sich von Symptomlisten und Diagnosen ab, muss dann aber damit rechnen, dass die ihr angetane Gewalt relativiert wird. Eine sehr gewaltvolle Zwickmühle.

Was ist meine Hoffnung, warum habe ich diesen Text geschrieben? Zum Einen wünsche ich mir mehr Bewusstsein bei allen Menschen über die mannigfachen Stigmatisierungen, denen Gewaltbetroffene ausgesetzt sind. Im psychiatrisch- psychologischen Kontext, aber auch in der öffentlichen Diskussion.
Ich wünsche mir aber auch, dass wieder mehr Räume zur Selbstdefinition von uns Betroffenen erkämpft werden. Und das wir uns viel mehr gegen Fremddefinitionen und Diagnosen zur Wehr setzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.