Redebeitrag auf der Mad and Disability Pride Parade – behindert und verrückt feiern

Am 11.7. 2015 war es wieder so weit: Wir haben behindert und verrückt gefeiert. Ein riesen großes Dankeschön an dieser Stelle an die Orga der Mad and Disability Pride Parade!

Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden zusammen mit Dènes von Tauwetter einen Redebeitrag zu machen. Aufgeregt standen wir vor dem Mikro und haben folgendes vorgetragen:
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Psychotherapie ist kein Ort für Emanzipation

Sprechen Menschen über die ihnen angetane sexuelle Gewalt in der Kindheit und über die Schwierigkeiten und Probleme, die sie deswegen heute haben, mit ihren Freund*innen und Bekannten, so erhalten sie häufig die reflexhafte Antwort:“Dann mach doch ´ne Therapie.“ Ich vermute, dass hinter diesem Rat viel persönliche Unsicherheit steckt. Und wahrscheinlich auch die völlig verständliche Angst, als unterstützende Person etwas falsch zu machen. Deshalb sollten doch lieber „Fachleute“ helfen. Tatsächlich ist dieser Rat aber nur sehr bedingt ein guter. Denn dieser Rat beinhaltet den persönlichen Rückzug der Person, die gerade um Unterstützung gebeten wird. Der Verweis zur Therapie erfolgt dann, statt im Kontakt zu bleiben und die eigenen Gefühle zu benennen. Welche ja zum Beispiel sein können: „mir macht das Thema Angst“ oder:“ich bin mit deinen Schwierigkeiten überfordert“. Genau darüber ins Gespräch zu kommen, in Beziehung zu gehen, könnte tatsächlich hilfreich sein – für alle Beteiligten ;o).

Aus meiner Sicht macht der Verweis auf Psychotherapie aber auch noch etwas anderes: die sexuelle Gewalterfahrung wird in das Zweiersettings Therapeut*in und Klient*in verwiesen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder wird oft in der Abgeschlossenheit von Familie und Schule durch Bezugspersonen verübt. Und in eine vergleichbare Abgeschlossenheit, nämlich die der Psychotherapie, soll das Thema nun wieder verbannt werden. Auf die Spitze getrieben kann es bedeuten: sexuelle Gewalterfahrung wird wieder zu einem individuellen Problem, das nur die Beteiligten „etwas angeht“. Auch durch diesen Mechanismus wird das Thema entpolitisiert. Genauso schwerwiegend finde ich, dass dabei das „Konstrukt“ Psychotherapie nicht mitgedacht und nicht hinterfragt wird. Weiterlesen