Psychotherapie ist kein Ort für Emanzipation

Sprechen Menschen über die ihnen angetane sexuelle Gewalt in der Kindheit und über die Schwierigkeiten und Probleme, die sie deswegen heute haben, mit ihren Freund*innen und Bekannten, so erhalten sie häufig die reflexhafte Antwort:“Dann mach doch ´ne Therapie.“ Ich vermute, dass hinter diesem Rat viel persönliche Unsicherheit steckt. Und wahrscheinlich auch die völlig verständliche Angst, als unterstützende Person etwas falsch zu machen. Deshalb sollten doch lieber „Fachleute“ helfen. Tatsächlich ist dieser Rat aber nur sehr bedingt ein guter. Denn dieser Rat beinhaltet den persönlichen Rückzug der Person, die gerade um Unterstützung gebeten wird. Der Verweis zur Therapie erfolgt dann, statt im Kontakt zu bleiben und die eigenen Gefühle zu benennen. Welche ja zum Beispiel sein können: „mir macht das Thema Angst“ oder:“ich bin mit deinen Schwierigkeiten überfordert“. Genau darüber ins Gespräch zu kommen, in Beziehung zu gehen, könnte tatsächlich hilfreich sein – für alle Beteiligten ;o).

Aus meiner Sicht macht der Verweis auf Psychotherapie aber auch noch etwas anderes: die sexuelle Gewalterfahrung wird in das Zweiersettings Therapeut*in und Klient*in verwiesen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder wird oft in der Abgeschlossenheit von Familie und Schule durch Bezugspersonen verübt. Und in eine vergleichbare Abgeschlossenheit, nämlich die der Psychotherapie, soll das Thema nun wieder verbannt werden. Auf die Spitze getrieben kann es bedeuten: sexuelle Gewalterfahrung wird wieder zu einem individuellen Problem, das nur die Beteiligten „etwas angeht“. Auch durch diesen Mechanismus wird das Thema entpolitisiert. Genauso schwerwiegend finde ich, dass dabei das „Konstrukt“ Psychotherapie nicht mitgedacht und nicht hinterfragt wird.

Ich möchte mit meinem Text auf keinen Fall Menschen, die eine Psychotherapie machen irgendwie diskreditieren oder ähnliches. Die Blickrichtung, die zu meiner kritischen Haltung führt, liegt auf der strukturellen Ebene. Es ist also nicht der Blick auf die je individuellen Beweggründe eine Psychotherapie zu machen. Es geht auch nicht darum, positive und hilfreiche Erfahrungen mit Therapien in Frage zu stellen. Genauso wenig möchte ich per se psychotherapeutisch arbeitenden Menschen die Intention zu unterstützen absprechen. Ja, es gibt wirklich hilfreich arbeitende Psychotherapeut*innen. Ob dies allerdings tatsächlich aus den jeweiligen Ausbildungen resultiert oder aus individuellen menschlichen Fähigkeiten, ist noch mal eine andere Frage….

Emanzipation als wichtige Bedingung der Auseinandersetzung mit erlebter Gewalt:

In meinem Verständnis von gelingender Auseinandersetzung mit erlebter (sexueller)Gewalt ist die persönliche Emanzipation, die Befreiung von Unterdrückungen zentral. Da wir in gewaltvollen gesellschaftlichen Dynamiken leben (Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und leider vieles mehr), ist es nicht möglich, sich von jeglicher Unterdrückung wirklich individuell frei zu machen. Aber das Erkennen der jeweiligen Gewaltverhältnisse erlaubt mir trotzdem dagegen zu arbeiten, mich dagegen zu engagieren.

Um sich mit erlebter Gewalt auseinander zu setzen und so mehr Selbstbestimmung im eigenen Leben zu gewinnen, ist das Verstehen der Gewaltstrukturen, die zu sexueller Gewalt führen also sehr wichtig. Nur über die Einordnung des Erlebten in die Macht-und Gewaltstrukturen in denen wir leben (wie zum Beispiel die Gewaltverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern), kann ich wirklich verstehen, dass sexuelle Gewalt in der Kindheit kein ausschließlich individuelles Problem ist. Genau auf diese Art und Weise beinhaltet die Auseinandersetzung emanzipative Prozesse.

Dies bedeutet: über die Kontextualisierung der erlebten Gewalt erkennen ich die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Ursachen und beginne, diesen etwas entgegen zu setzen (wie auch immer..). Und in der Folge bedeutet dies auch: für eine Auflösung von Gewaltstrukturen braucht es Emanzipation!

Und warum ermöglicht Psychotherapie nun keine Emanzipation?

Meine Betrachtung in diesem Text richtet sich auf allein die strukturellen Aspekte1 von Psychotherapie und warum in diesen Emanzipation kaum möglich ist. Ich versuche sie in Beziehung zu setzen zu den gesellschaftlichen Macht-und Gewaltstrukturen, die sexuelle Gewalt gegen Kinder verursachen.

Das Wissensmonopol der Psychotherapeut*innen

Eine grundlegende Annahme für psychotherapeutische Angebote ist die Zweiteilung in Fachleute, die eine spezifische Ausbildung haben und dadurch über ein spezielles Wissen verfügen, und die in diesem Fachgebiet unwissenden Ratsuchenden, die Klient*innen. Diese Zweiteilung beinhaltet auch die Annahme, dass die ausgebildete Fachperson keine Gewalt erlebt hat (oder sie soweit bearbeitet hat, dass es sich quasi um eine ehemals betroffene Person handelt). Im Umkehrschluss bedeutet dies dann, dass Betroffene keine Fachleute sein können.

Das Wissensmonopol liegt bei der psychotherapeutisch ausgebildeten Person. Sie verfügt über das entsprechende Wissen beispielsweise der Psychologie, der Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie. Um dieses Wissen überhaupt zu erlangen, benötige ich mindestens die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten. In der Regel ist im psychotherapeutischen Prozess auch keine Auflösung dieses Gefälles vorgesehen, beispielsweise durch gezielte und umfassende Wissensweitergabe an die Ratsuchenden.2 Hier wird also eine Hierarchie zwischen der wissenden (Psychotherapeut*in) und der nicht- wissendem Person (nämlich der Ratsuchenden) geschaffen und auch nicht aufgelöst. Dies ist besonders bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass es in der Therapie um die von Klient*innen erlebte Gewalt und deren Folgen geht. Die ratsuchenden Person ist somit die, die eigentlich als einzige Auskunft geben kann, sowohl über das Gewaltgeschehen als auch über ihr heutiges Leben und die aktuellen Probleme. Sie ist die einzig wirkliche Expert*in für ihr eigenes Leben. Meist fließt genau dies Expert*innenwissen in die Psychotherapie nicht unbedingt mit ein.

Psychotherapie als Teil des Gewaltsystems Psychiatrie

Das Wissensgefälle bleibt auch darüber erhalten, dass bei kassenfinanzierten Psychotherapien die Therapeut*in psychiatrische Diagnosen erstellen wird, mit denen die Therapiestunden bei den jeweiligen Krankenkassen beantragt werden. Die psychotherapeutisch arbeitende Person wird auch über den Fortgang, den „Erfolg“ der Therapie berichten und Gutachten erstellen. Auch hierfür verfügt in der Regel nur sie über das notwendige Wissen. Einige therapeutisch Arbeitende besprechen die Diagnosen und Anträge mit den Ratsuchenden. Für manche ist dies auch hilfreich. Es bleibt aber trotzdem erhalten, dass die Klient*innen der psychiatrischen Logik von Pathologisierungen3 und Diagnostik unterworfen sind. Die ratsuchende Person leidet in dieser Logik an einer Krankheit(siehe Fußnote 4) und nicht an erlebter Gewalt! Dies übrigens auch dann, wenn die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ lautet. (Hierzu arbeiten wir aktuell an einem Artikel, der dies genauer beleuchtet.) Manche Menschen, die eine Psychotherapie machen oder machen wollen denken, dass die hierzu nötige Diagnostik eine psychologische im Gegensatz zur psychiatrischen wäre. Tatsächlich ist aber beides identisch, die Diagnostik geschieht auf der Grundlagen des ICD 104. Eine Psychotherapie ist also (strukturell) Teil des Gewaltsystems Psychiatrie.

Das Fehlen von Transparenz und Mitspracherechten innerhalb der Therapie

Auch das genaue Vorgehen im Verlauf der Therapie, also zum Beispiel welche Methoden oder Interventionen zu welchem Zeitpunkt der Therapie angewandt werden, wird nicht zwangsläufig transparent gemacht. Die Deutungshoheit liegt allein bei dem therapeutisch arbeitenden Menschen!

Finanzierung von Psychotherapien

Als sehr schwierig empfinde ich auch den Punkt, dass Psychotherapie auch dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell unterworfen ist. Die Therapeut*innen verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Durchführung von Therapien. Sie sind meist selbst abhängig von den Krankenkassen und deren Vorgaben und Regeln. Manche arbeiten nur mit Selbstzahlern, was eine Befreiung von den Vorgaben der Krankenkasse mit sich bringt. Die kapitalistische Logik eines erforderlichen finanziellen Gewinns aus der Durchführung der Therapien kann damit aber natürlich nicht aufgelöst werden. So birgt diese Form der Therapie die Gefahr, dass die Therapeuti*nnen sie länger als eigentlich erforderlich durchführen, weil sie eine Einnahmequelle sind. Zudem sind die privat finanzierten Therapien ein sehr exklusives (eben: ausschließendes) Konstrukt, dass genau entlang gesellschaftlicher Ausgrenzungsstrukturen5 funktioniert.

Sehr fragwürdig für mich ist ohnehin grundsätzlich der Zusammenhang, dass ich für Hilfe zahlen muss. Besonders brisant wird dies bei sexueller Gewalt gegen Kinder. Die gesamte Gesellschaft hat versagt. Sie hat mein Menschenrechte auf sexuelle Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit und ein gewaltfreies Aufwachsen nicht geschützt. Um nun Unterstützung zu bekommen um mit den Folgen weiterleben zu können, muss ich Geld bezahlen. Das zugrundeliegende Dilemma würde aus meiner Sicht übrigens nicht durch „mehr Geld für Betroffene“ gelöst. Denn dies ändert nichts an den gesellschaftlichen Gewaltstrukturen und am Versagen Kinder angemessen zu schützen. Mir scheint auch hinter manchen finanziellen Zahlungen der Versuch zu stecken, sich als Gesellschaft von Schuld freikaufen zu wollen.

Ziele von Psychotherapie aus Sicht der Geldgeber

Fragwürdig ist auch das Ziel von Psychotherapien. In der Regel liegt hier nämlich der Fokus auf einem Konstrukt von individueller Heilung. Es geht dann darum, dass die Gewaltbetroffenen von ihren jeweils diagnostizierten Krankheiten und Störungen, wie beispielsweise Depression, Borderlinestörung oder eine Posttraumatische Belastungsstörung, „geheilt“ werden. Dies im Hinblick darauf, dass eine Wiedereingliederung in ein „normales“ Leben (gemeint ist hiermit oft einen Arbeitsplatz zu finden und in irgendeiner Form familiär Eingebunden zu sein) erreicht wird. Die gesellschaftlichen Strukturen mit all ihren gewaltvollen Dynamiken werden dabei nicht oder nur marginal mitbetrachtet.

Vor diesem Hintergrund dieser Faktoren bildet Psychotherapie in meiner Wahrnehmung ein Konstrukt aus

– Hierarchien

– Intransparenzen

– Abhängigkeiten von Gewaltstrukturen wie vor allem der Psychiatrie

– Unterwerfung unter kapitalistische Logik

– und einem gesellschaftserhaltendem Ziel

So entsteht ein sogenanntes Unterstützungsangebot, das offensichtlich emanzipativen Ansätzen entgegen stehen muss. Und in der Folge führt die Verbreitung genau dieses Angebots auch zu einer Individualisierung von Gewalterfahrung und damit zu einer gefährlichen Entpolitisierung des Themas.

Abschaffung von Psychotherapie??

In der gesellschaftlichen Situation, in der wir leben ist Psychotherapie wahrscheinlich trotz allem Gesagten unverzichtbar. Ich fordere also nicht ihre ersatzlose Abschaffung. Was ich mir wünsche ist insgesamt mehr Reflexion über die Hilfsangeboten für Gewaltbetroffene zugrundeliegenden Strukturen. Und dies nicht nur, aber vor allem von Menschen, die sich selbst als gesellschaftskritisch definieren. Und natürlich wünsche ich mir auch und immer wieder die Schaffung anderer, selbstbestimmter und selbstorganisierter Räume, in denen sich Menschen mit der ihnen angetanen (sexuellen Gewalt) auseinandersetzen können.

1Hier ist das theoretische Konzept von fast jeder Form von Psychotherapie gemeint. In diesem Zusammenhang beinhaltet „Struktur“ unter anderem das Verhältnis der betreffenden Personen zueinander, den zeitlichen Rahmen der Treffen, das Wissen um das inhaltliche Vorgehen. Zur Struktur gehören auch die Privilegien die ein Mensch braucht, um die entsprechenden Ausbildungen überhaupt machen zu können. Und ebenso welchen Hintergrund ratsuchende Menschen haben müssen, um in einer Psychotherapie eine gemeinsamen Ebene, eine gemeinsame Sprache mit den therapeutisch Arbeitenden finden zu können..

2Es wäre ja möglich, das die therapeutisch arbeitende Person ihr Wissen im persönlichen Unterricht oder auch über Begleithefte etc. parallel zur Therapie an die Klient*innen weitergibt.

3In diesem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass viele Schwierigkeiten im aktuellen Leben in der Vergangenheit, während der Gewalterfahrung, durchaus funktionale Umgangsstrategien mit der Gewalt waren. Dieser Fakt eröffnet eine deutlich andere Perspektive auf Menschen, die Gewalt erleben mussten. Es macht deutlich, wieviele Fähigkeiten und Stärken die Person besitzt. Zwar benötigt sie im Moment Hilfe, dies aber zeitlich und thematisch begrenzt. Sie ist keine an sich „hilfsbedürftige“ Person.

4ICD-10-GM: internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme

5Nur wer über ausreichend Geld verfügt, kann sich so eine Therapie leisten. Die Personengruppen, die dass können, sind diejenigen die über vielfache Privilegien verfügen (in der Regel weiß, deutsch, christlich sozialisiert, obere Mittelschicht usw.).

2 Gedanken zu „Psychotherapie ist kein Ort für Emanzipation

  1. Der Beitrag gefällt mir sehr gut, vielen Dank… Für mich sind auch „Verantwortung/Verantwortlichkeit“ Schlüsselbegriffe, denn Betroffene* bekommen in einer tendenziell entmündigenden Therapieform (ich möchte das keinesfalls für jede Therapie und jeden* Therapeuten* pauschalisieren) nicht die Verantwortung für sich selbst und Verantwortlichkeit für den Prozeß… Wenn es das Ziel ist, jemanden zu „reparieren“, geht es also darum, sich an gewaltvolle Hintergrundstrukturen anzupassen, anstatt genau diese ebenfalls mit zu hinterfragen. Ursache für diese Denklogik ist m.E. die Annahme (quasi das Axiom, das nicht hinterfragt werden dürfe), daß Gewalt etwas „Unnormales“ und Vereinzeltes sei, was wie ein Blitzschlag in die „normale“ (vermeintlich gewaltfreie) Hintergrundstruktur hereinbreche. Nur dieser Logik folgend läßt sich behaupten, daß Gewalt immer nur „woanders“, „bei anderen“ auftauche und diese dann als Folge davon krank werden würden und kuriert werden müßten. Hier herein gehört dann auch die (teils reflexhafte) Aufforderung, der/die Betroffene* solle „doch eine Therapie machen“, sobald er/sie sich als betroffen zu erkennen gibt. – Natürlich kann einigen Menschen eine Therapie helfen, aber es ist doch ein großer Unterschied, ob jemand den eigenen Wunsch verspürt, selbstbestimmt und transparent einen eigenverantwortlichen Bearbeitungsprozeß zu beginnen, oder ob er/sie* nur deswegen einen* Therapeuten* aufsucht, weil ihm/ihr* immer gesagt wurde: Nun mach doch eine Therapie. Die Motivation und Erwartung ist jeweils eine sehr verschiedene. Für mich persönlich ist ein politisches und gesellschaftskritisches Reflektieren über die eigene erlebte sexuelle Gewalt unverzichtbar.

  2. Vielen Dank für diesen Text!! Fasst die wichtigsten Punkte zusammen und macht deutlich, warum es für manche einfach so schwer ist, in Therapien sich weiterzuentwickeln – denn sie zielen nur auf die Einzelpersonen ab, niemals auf das, was den Schmerz eigentlich verursacht hat…
    Danke für das so gut in Worte fassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.