Redebeitrag auf der Mad and Disability Pride Parade – behindert und verrückt feiern

Am 11.7. 2015 war es wieder so weit: Wir haben behindert und verrückt gefeiert. Ein riesen großes Dankeschön an dieser Stelle an die Orga der Mad and Disability Pride Parade!

Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden zusammen mit Dènes von Tauwetter einen Redebeitrag zu machen. Aufgeregt standen wir vor dem Mikro und haben folgendes vorgetragen:

Hallo,

wir stehen hier als Betroffene von sexualisierter Gewalt. Wir stehen aber auch hier, als Betroffene, die sich organisieren. Ich bin Judith vom Blog Ansichtssache. Das ist ein politischer Blog über sexualisierte Gewalt aus Sicht der Betroffenen. Und ich bin Dènes von Tauwetter. Das ist eine Anlaufstelle für Männer*, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben oder es vermuten. Das sind beides selbstorganisierte Strukturen von Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Warum stehen wir heute hier? Weil wir gegen Vorurteile über Betroffene kämpfen!

Es gibt viele Vorstellungen davon, wie wir, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, angeblich so sind. Schwach, irrational, geschädigt, unzurechnungsfähig… und wir haben aus Sicht von vielen, keine ernst zu nehmende politische Meinung. Wir werden häufiger gefragt, ob wir bereits in Therapie sind, als welche politischen Meinung wir haben.

Unserer Meinung nach machen unter anderem diese Vorurteile, dass es weiterhin sexualisierte Gewalt geben kann. Vorurteile machen Betroffene unglaubwürdig, unmündig und sie bringen uns zum Schweigen. Selbst Jahre nach der erlebten Gewalt, sprechen viele nicht über das Erlebte. Sie sprechen auch nicht über die Folgen, mit denen sie zu kämpfen haben. Wir denken, das liegt unter anderem daran, dass sie – das wir – mit so vielen Vorurteilen rechnen müssen. Teilweise mit Vorurteilen aus dem eigenen Umfeld und von Freunden und Freundinnen.

Auch das schützt Täter und Täterinnen!

Denn selbst wenn Betroffene reden, werden sie oft nicht ernstgenommen.

Ein gutes Beispiel dafür, ist der 2010 gegründete, sogenannte „Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ der Bundesregierung.

Dort sollten Betroffene ihre „tragischen Geschichten“ erzählen. Aber an politischen Diskussionen oder Entscheidungen wurden sie nicht beteiligt. Und Zeitungen und das Fernsehen scheint es auch nur zu interessieren, Betroffene als Opfer darzustellen. Und so zeigt sich wieder einmal: Betroffene werden politisch unwirksam gemacht, da viele glauben, dass wir „zu traumiatisiert“, „zu kaputt“ sind, um politischen Entscheidungen treffen zu können.

Und überhaupt: Was sind die Vorstellungen davon, WER die Betroffenen sind? Die beim Runden Tisch anwesenden Betroffenen haben nicht ‚die Gesellschaft‘, in der die Gewalt stattfindet, widergespiegelt. Sie waren z.B alle weiß.

Und zu wem haben sie geredet? Zu den weißen Politiker_innen. Aber nicht alle Betroffenen sind weiß. Es ist traurig auch an dieser Stelle Vielfalt und Unterschiedlichkeit betonen zu müssen. Aber Täter und Täterinnen und dadurch auch Betroffene gibt es überall, in allen Gruppen, in der ganzen Gesellschaft.

Betroffene gibt es mit Doktortitel, kapitalismuskritisch, mit Rolli, mit und ohne Aufenthaltsgenehmigung, in Psychiatrien, in Arbeitsämtern, geschminkt und ungeschminkt, als Kinder von Therapeut_innen oder als Psychiater, zu Hause und in der Fabrik, behindert und verrückt und alles andere auch.

Das was als öffentliche Diskussion gesehen wird, ist in Wirklichkeit eine Diskussion, die nur unter einer bestimmten Gruppe von Menschen geführt wird.

Das ist mal wieder ein Beispiel dafür, warum wir uns nicht auf Politiker_innen verlassen. Sondern uns lieber selbst organisieren.

Zur Klarstellung: es geht nicht darum, dass Menschen als Betroffene über ihre Erfahrungen reden MÜSSEN. Sondern es geht darum Räume zu schaffen. Räume in denen wir über unsere Erfahrungen ohne Vorurteile und auf Augenhöhe reden können. Und nicht nur über die Gewalt, sondern auch über verschiedenen Reaktionen und Umgänge. Reaktionen und Umgänge der Menschen, die uns eigentlich unterstützen und sich mit uns zusammenschließen wollen.

Deshalb wollen wir jetzt euch fragen:

Wie denkt ihr über Betroffene von sexualisierter Gewalt? Wie denkst du, dass Betroffene von Gewalt so sind? Oder sein müssten?

Und wenn du selbst von sexualisierter Gewalt betroffen bist: Was denkst du über dich? Was über andere Betroffene? Und was für Vorstellungen über Betroffene bekommst du mit?

Wir wünschen uns mehr Räume, in denen wir definieren wer wir sind. Mehr Begegnungen, in denen wir mit unsere Ansichten uns nicht verstecken müssen. Mehr Gruppen, in denen wir als politisches Gegenüber ernst genommen werden. Und zwar nicht trotz, sondern weil wir wissen was es bedeutet sexualisierte Gewalt erlebt zu haben.

Schließen wir uns zusammen

• gegen Vorurteile über Betroffenen von sexualisierter Gewalt und gegen alle anderen Vorurteile

• gegen falsche Vorstellungen über uns aus dem eigenen Freund_innenkreis oder der eigenen Politgruppe

• gegen Täter und Täterinnen und all die, die sexualisierte Gewalt nicht ernst nehmen und damit Täter und Täterinnen schützen

• gegen eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Menschen weiter rechtfertigt, ermöglicht und ausführt.

• und lasst uns heute feiern, dass wir so sind, wie wir sind!

3 Gedanken zu „Redebeitrag auf der Mad and Disability Pride Parade – behindert und verrückt feiern

  1. Es hat mich sehr gefreut, den Redebeitrag bei der Mad and Disability Pride Parade zu hören. Danke! <3 Da hat das Feiern doch gleich viel mehr Spass gemacht…

  2. Ich danke euch auch für den Redebeitrag & es freut mich, daß ihr den Text vorgetragen habt und Flyer verteilen konntet! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.