Ein paar Gedanken zum Redebeitrag

Ich würde gerne noch ein paar Worte zu dem Redebeitrag loswerden. Für mich war es das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Dass ich vor so vielen Menschen stand und über sexualisierte Gewalt und einiges was mich dazu bewegt gesprochen habe. Ich war unglaublich aufgeregt. Meine Gedanken haben sich in der letzten Woche vor dem Redebeitrag im Kreis gedreht: Warum tue ich das nur? Bin ich denn völlig wahnsinnig? Ich stelle mich auf eine ‚Bühne‘ und erzähle allen, dass ich Betroffen von sexualisierter Gewalt bin? Was denken die dann über mich? Warum um alles in der Welt will ich das eigentlich tun? Will ich mich wirklich auf eine ‚Bühne‘ stellen ohne zu wissen, wer mir da eigentlich zuhört und eine meine tiefsten Verletzlichkeiten zugeben?
Eine (auch Betroffene und politisch aktive) Freundin, hat meine Gedanken in eine andere Richtung angestoßen. Dann gingen sie eher so weiter: Ich stelle mich nicht auf eine ‚Bühne‘ und erzähle ’nur‘, dass ich Betroffen bin (was auch empowernd sein könnte!!). Nein, ich stelle mich auf eine Bühne und habe eine politische Meinung – und zwar als Betroffene. Es ist politisch wichtig sich als Betroffene zu zeigen. Um eben nicht über DIE ANDEREN zu reden. Sondern über mich. Über uns.

Als Dènes und ich uns getroffen haben, um den Redebeitrag zu schreiben, viel es uns schwer uns inhaltlich zu beschränken. Da ist soviel, was wir gerne – am liebsten ALLEN – mal sagen würden. Da gibt es dieses große System von Gewalt und Gewaltverhältnissen. Sexualisierte Gewalt ist wie ein Teilsystem davon. Es funktioniert ja nicht losgelöst von allen anderen Machtverhältnissen (wie Rassismus, Sexismus etc. und ganz wichtig Adultismus). Und dieses große (Macht-)System und wie alles ineinander greift, da würden wir gerne mal den Finger drauf legen. Und allen sagen, ‚wir alle sind ein Teil davon, ob wir das wollen oder nicht!‘. Und selbst wenn wir uns auf sexualisierte Gewalt beschränken, gibt es da so viele Aspekte, die wir gerne (öffentlich) benennen wollen. Sexualisierte Gewalt findet eben nicht nur zwischen dem Täter/der Täterin und der betroffenen Person statt, sondern beinhaltet ein ganzes Gewaltsystem, dass unglaublich tief in uns und ‚die Gesellschaft‘ eingeschrieben ist. Genauso wie Rassismus oder Sexismus. Da ist auch niemand frei oder außerhalb von.

Dènes und ich hatten Diskussionen darüber, ob sexualisierte Gewalt als eigener -ismus gesehen werden kann oder ob es  ein ‚Mittel’/eine ‚Methode‘ ist, die Machtverhältnissen aufrecht zu erhalten.
Dann haben wir uns wieder versucht auf den Redebeitrag zu beschränken… zu fokussieren. Was wollten wir im Redebeitrag sagen und was könnten wir weglassen.
Relativ schnell haben wir uns auf das Thema Stigmatisierung von Betroffenen geeinigt. Aber da gibt es so viele. Die klassischen: Schwach, irrational etc. Aber in wie fern unterscheiden sich diese Stigmata über Betroffenen sexualisierter Gewalt von rassistischen oder sexistischen oder allen anderen Stigmata?
Sind das nicht genau die Vorurteile, die allen stigmatisierten Gruppen im Allgemeinen gegenüber gebracht werden? Diese Vorurteile gibt es in der rassistischen, klassistischen, sexistischen, adultistischen etc. Variante.
Wollen wir über die Gemeinsamkeiten der Vorurteile von verschiedenen stigmatisierten Gruppen sprechen?

Wir wollten auch über genderbezogene Betroffenenklieschees reden. In wieweit werden Männer als Betroffene ernst genommen? Für wie glaubwürdig wird jemand gehalten, der_die über TäterINNEN spricht? Wie oft müssen Jungen über die erlebte Gewalt sprechen, bevor ihnen geglaubt wird und wie oft Mädchen? Etc.

So viele Klieschees, soviele Themen.

Aber wir mussten uns beschränken. Es ist ein Redebeitrag.

Langsam wurde uns klar: Um über all diese Themen sprechen zu können, müssen wir erst einmal als politisches Gegenüber ernst genommen werden.
Das sollte der Fokus des Redebeitrags sein!

Langsam formte sich Absatz für Absatz.

Bald sollte er kommen, der Tag an dem wir den Redebeitrag halten würden. Bei der Vorstellung bekamen wir Angst und wurden schrecklich aufgeregt. Und dann gingen sie wieder los, die Gedankenkreisläufe.
Warum tun wir das? Was denken wir uns dabei?

Als wir uns mittags trafen, um den Redebeitrag ein letztes Mal durchzugehen, haben wir uns noch mal gegenseitig daran erinnert warum wir das eigentlich machen:

Wir haben zu dem Thema etwas zu sagen! Wir wollen, dass uns hierzu zugehört wird. Niemand wird uns je den Raum dafür geben, wir müssen ihn uns nehmen.
Und ich musste mir auch ein paar Mal sagen: Wenn wir uns den Raum nehmen, machen wir uns verletzlich damit, dass wir uns zeigen. Aber wir zeigen uns mit dem was wir haben und wer wir sind. Kein Verstecken als Betroffen mehr. So einen Redebeitrag zu machen, bzw. sich überhaupt politisch als Betroffene zu zeigen wirkt besser als jede Therapie. Und mit weniger Nebenwirkungen als Psychopharmaka. Bei mir jedenfalls.

Der Redebeitrag ist jetzt ein paar Wochen her. Meine Gefühle schwanken sehr zwischen mich sehr verletzlich fühlen und ich spüre, dass ich mich gezeigt habe. Und gleichzeitig fühle ich mich stark und lebensfroh. Das kann mir niemand mehr wegnehmen. So funktioniert wohl Empowerment.

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