Therapieabbruch als politische Entscheidung

Wir freuen uns diesen Artikel einer Gastautor*in zu veröffentlichen und hoffen auf eine spannende Diskussion:

Therapieabbruch als politische Entscheidung

Oder: Was könnte es heißen, „Psyche“ und „Politik“ miteinander zu integrieren?

Ich habe eine Psychoanalyse ungefähr im dritten Jahr abgebrochen. Meine Therapeutin war, wie mir zunächst schien, die beste, die ich in diesem Therapieansatz hätte finden können. Ganz abgesehen von ihren menschlichen und intellektuellen Fähigkeiten wirkte sie auf mich „aufgeklärt“ – im Sinne von feministisch geschult und offen für linkspolitisches Gedankengut, wenn auch sicherlich nicht umfassend politisiert. Dass ich mich selber im Laufe der Therapie zunehmend politisierte, schien jedoch mit der therapeutischen Arbeit zu kollidieren.

Strukturelle Gründe statt persönlicher Vorwürfe
Bei mir entwickelte sich zunehmend ein emotionaler Zugang zum Politischen: Das, was mir Leid bereitete, nahm ich als politisch verursacht wahr und ich empfand immer mehr Wut. Eine Wut, die sich nicht ausschließlich auf Personen (Familienangehörige oder die Therapeutin z.B.) richtete, sondern auch auf gesellschaftliche Bedingungen – z.B. auf soziale Ausgrenzung, wie sie sich konkret in meinem Leben manifestiert. Dass mir zunehmend „unpersönliche“ soziale Prozesse verantwortlich schienen für das, wovon ich mich unterdrückt und gesellschaftlich unsichtbar gemacht fühlte, fand ich befreiend. Es entließ mich ein wenig aus der Haltung des Vorwurfs, mit der ich Menschen aus meiner Kindheit oft begegnet war: Denn sie zu Schuldigen zu erklären war nicht die Lösung für meine Konflikte. Weder in psychischer noch in politischer Hinsicht.

Psychisch oder emotional betrachtet band mich die Vorwurfshaltung eher an die betreffenden Personen als mir dabei zu helfen, eine innere Trennung von ihnen zu erreichen. Außerdem fragte ich mich: Ist aus politischer Sicht ein alleiniger Fokus auf Emotionen gegenüber konkreten Personen nicht eine Verkürzung? Ist der Tunnelblick auf die eigene Geschichte, den unterschiedliche Therapieansätze anwenden (so auch meine Analytikerin), nicht eine individualistische Verkürzung von Prozessen, die eigentlich gesellschaftlichen Charakter haben? Weil z.B. hinter ausgrenzenden oder ausbeuterischen Verhaltensweisen psycho-soziale Muster stehen, die durch die Breite der Gesellschaft hindurch regelmäßig wiederholt werden?

Systematische Zusammenhänge

Das meinte ich, aus dem Studium kritischer Sozialtheorien und besonders von Judith Butler gelernt zu haben. Butlers Machtanalyse warnt davor, Schuld und Verantwortung bei Individuen zu suchen anstatt bei den Dynamiken – zugleich gesellschaftlichen und psychischen Dynamiken – innerhalb derer Individuen agieren, und die diese niemals vollständig durchschauen können. Im Gegensatz zu solchen moralistischen Verkürzungen verweisen Butlers Analysen wieder und wieder auf ein historisches Geschehen, das Personen eher hervorbringt und in seinem Sinne fungieren lässt als diese als letztendliche ‚Verursacher_innen‘ z.B. von verletzenden Sprechakten zu spezifizieren. Heteronormativität ist ein Name für solch ein Zwangssystem, das gleichermaßen gesellschaftlichen und psychischen Charakter hat und sich dabei nicht sinnvoll auf Individuen zurückführen lässt, welche dieses System begründet hätten. Kritik richtet sich bei Butler auf systematische Zusammenhänge und nicht in erster Linie auf die Personen, die diese aufrechterhalten.

Kluft zwischen Psyche und Politik

Doch meine Therapeutin versuchte nach meinem Eindruck, Wut und auch das Erleben von Schmerz bei mir auszubremsen, sobald sie sich auf gegenwärtige Konstellationen in meinem Leben richteten – und erst recht auf abstrakte Begriffe – und nicht auf Personen oder Situationen aus meiner Vergangenheit. Wütend war ich in dieser Zeit durchaus auch auf Menschen, nämlich dann, wenn sie politische Ungerechtigkeit und Ungleichheiten nicht wahrnehmen wollten oder zu legitimieren versuchten. Genau das schien auch meine Therapeutin zu tun, wenn sie politische Kritik und die Gefühle, die bei mir damit einher gingen, als ‚Rationalisierungen‘ eines rein persönlichen Schmerzes deutete. Eines Schmerzes, den ich ihrer Meinung nach in die Gegenwart (und auf ‚die Gesellschaft‘) projizierte, der aber letztlich „von etwas Altem“ aus meiner Geschichte herrühre.

Wozu aber eine solche Trennung? Warum sollte es notwendig sein, ein Entweder/Oder aufzumachen zwischen Gesellschaft und Persönlichem, Vergangenheit und Gegenwart? Wie soll es überhaupt möglich sein, Kritik an Lebensumständen zu formulieren, die gesellschaftlich bedingt sind, wenn nach der psychoanalytisch-therapeutischen Logik, wie meine Analytikerin sie vertrat, eine Beanstandung gegenwärtiger Bedingungen immer schon als Projektion gelesen wird – als Projektion, deren wirklicher Ursprung aus früheren Punkten in der eigenen Geschichte herrührt? Diese Polarisierung ist der Kern dessen, was ich an der psychoanalytischen Therapie, wie ich sie erfahren habe, als repressiv betrachte – repressiv, insofern sie der Entwicklung einer politischen Perspektive auf eigene Erfahrungen entgegensteuert.

Eine solche Sichtweise macht eine Kluft zwischen „Psyche“ und „Politik“ auf. Diese Kluft wird nach meiner Wahrnehmung auch in der Linken teilweise erzeugt. Zum Beispiel, wenn Therapien als politisch neutrale Verfahren betrachtet werden und Burnout oder Trauma primär mit psychotherapeutischen Mitteln begegnet wird. Oder, wenn Diagnosen wie etwa die „posttraumatische Belastungsstörung“ als neutrale Kategorien behandelt werden. Es sieht für mich zum Teil so aus, als ob etwas, das als „psychisch“ verstanden wird, nicht als politisch begriffen werden kann – so als ob ein Widerspruch oder eine gänzliche Trennung zwischen diesen „Registern“ bestehen würde.

Ebensowenig wie die Psyche entpolitisiert werden sollte, sollte die Politik als „unpsychisch“ betrachtet werden.

Eine Umkehrung der psychologisierend-individualisierenden Sicht, wie ich sie an meiner Analytikerin, aber auch unter Linken kennengelernt habe, kann die Trennung zwischen Politik und Psyche nicht überwinden. Schon allein die Notwendigkeit, Kritik an Momenten eines eigenen Dominanzverhaltens – von dem niemand von vornherein frei sein dürfte – zuzulassen, anzunehmen und entsprechend am eigenen Verhalten zu arbeiten, macht es notwendig, sich mit der Psyche zu beschäftigen. Es macht notwendig, eigene psychische Abwehrstrategien gegenüber Kritik und eigene Motivationen und Gefühle zu hinterfragen. Denn sie spielen in politisches Handeln hinein. Wer Politik von der Psyche isoliert, rationalisiert sie meiner Meinung nach tatsächlich. Bis zu diesem Maß greift durchaus eine psychoanalytische Perspektive, die in scheinbar rationalen und „unpersönlichen“ Argumentationen und Handlungsweisen eine affektive und nicht immer rationale Motivation ortet. Problematisch wird eine psychoanalytische Lesart aus meiner Sicht erst dort, wo sie umgekehrt die Psyche auf entpolitisierende Weise versteht.

Auf der Suche nach einer Alternative

Die Frage, was schief lief bei meiner Therapie, fällt mir leichter zu beantworten als die, wie eine gelungene Integration von psychischer und politischer Perspektive in einer Therapie denn aussehen könnte. Aus den besagten Gründen war der Abbruch dieser speziellen Psychoanalyse meiner Meinung nach unvermeidlich. Aber wie hätte die Analytikerin nicht nur therapeutisch, sondern auch politisch gelungen vorgehen können? Da mir die Erfahrung fehlt, kann ich mich hier nur vage vortasten.

Beispielhaft möchte ich mich auf Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt beziehen und der Frage nachgehen, wie ein feministisch-therapeutischer Umgang damit aussehen könnte. Eine Antwort darauf habe ich nicht – nur weitere Fragen, die mein Anliegen konkretisieren.

Es wäre mir wichtig gewesen, dass meine Therapeutin die Berechtigung meiner Kritik an Sexismus, und meiner Wut angesichts sexistischer Erfahrungen anerkennt, und zwar in der Gegenwart, und nicht allein angesichts individueller Akte oder Muster sexistischer Gewalt in meiner Geschichte. Ich hätte mir gewünscht, dass sie meine Kritik als ein selbstaffimierendes Verhalten bewertet. Ich hätte ja nie bestritten, dass in der Gegenwart erlebte Verletzungen und Empfindlichkeiten bei mir Entsprechungen in der Vergangenheit haben, die grundlegend für meine ausgeprägte Verletzlichkeit angesichts jeder sexistischen Erniedrigung von Frauen* sind. Was aber heißt es, etwa Erfahrungen sexualisierter Gewalt auf ihre vergangene Gestalt zu reduzieren, anstatt sie als ein fortwährendes gesellschaftliches Geschehen zu betrachten – analog zu dem, das Butler als Heteronormativität beschreibt? Welchen Stellenwert gibt feministische Therapie einer gegenwärtigen Empfindsamkeit gegenüber patriarchalen Entwertungen von Frauen* – bzw. von historisch femininen Mustern des Verhaltens und Erlebens? Wie lässt sich eine politische Affirmation feministischer (Gewalt-)Kritik vereinbaren mit dem Anliegen, den Schmerz über die in Vergangenheit und Gegenwart erfahrenen Varianten sexistischer Gewaltsamkeit loszulassen – im Sinne einer Des-Identifikation? Wie kann ich vermeiden, ohnmächtig zu bleiben gegenüber diesem Geschehen? Wie kann ich vermeiden, durch meine Ohnmacht sexistischer Gewalt Macht zuzugestehen, anstatt sie ihr soweit wie möglich zu entziehen?

Seit ich die Therapie abgebrochen habe, habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden, wie es möglich sein soll, den Schmerz und das Ohnmachtsgefühl angesichts von Gewalterfahrungen loszulassen, und sei es nur teilweise.

Habt ihr, die ihr das hier lest, vielleicht Erfahrungen mit Wegen – therapeutischer oder anderer Art – aus einem sehr persönlichen, „psychischen“ Schmerz über politische/ökonomische Gewaltverhältnisse herauszufinden, ohne ihn zu verleugnen? Über Antworten auf diese Frage würde ich mich freuen.

Ich danke Peter für die sprachliche Überarbeitung dieses Textes!

Ein Gedanke zu „Therapieabbruch als politische Entscheidung

  1. Also ich habe ähnliche negative Erfahrungen mit mehreren Therapeut/inn/en gemacht. Für mich war die Lösung, so lange keine Therapie zu machen, bis ich endlich die richtige Therapeutin gefunden hatte. Bei ihr empfinde ich nun keine Trennung mehr zwischen „Privat“ und „Politisch“.

    Das Problem vieler Therapeut/inn/en ist es, dass sie eigene Verletzungen durch das kapitalistische, hirarchische Patriarchat nicht wahrhaben bzw. ihre eigenen Privilegien in diesem System nicht zugeben wollen. Sie leugnen deshalb die Existenz dieses Unterdrückungssystems. Wenn dann die/der Klient/in genau dieses System thematisiert, reagiert die/der Therapeut/in damit, dass sie/er die/den Klient/in patronisiert und als lebensuntüchtig bzw. illusionär darstellt. Die/der Therapeut/in fühlt sich dadurch befreit. Ich habe auch offen aggressive Reaktionen von einer Therapeutin erlebt. Es waren mehrere Therapien die ich aufgrund solcher Konstellationen abgebrochen habe.

    Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, gleich beim Erstgespräch zum Thema zu machen, wie die/der Therapeut/in selbst mit dem Unterdrückungssystem umgeht, und ob sie/er in diesem Umgang ein Vorbild für Lösungen sein kann. Und wenn man* nach diesem Erstgespräch kein gutes Gefühl hat sollte man* die Therapie bei dieser Person garnicht erst anfangen. Ausserdem sollte man* es sich selber als gut und richtig zugestehen, eine Therapie zu beenden, wenn sie einer aus welchen Gründen auch immer nicht mehr guttut.

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