Wo beginnt Gewalt gegen Kinder? (Ein Puzzel- Teil 2)

Neulich Abend war ich auf einer Veranstaltung, es ging/ es sollte um Feminismus gehen, um die Frage:“ Welche feministischen Bewegungen brauchen wir heute? Und wer sind wir?“ Zu Beginn gab es ein Theaterstück von hauptsächlich jungen Menschen zu diesem Thema.
Auf dem anschließenden Podium saßen feministische Aktivist*innen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, sehr unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen, allerdings alle schon länger mündig und alle Akademiker*innen.
Es ließe sich viel generell über die Moderation sagen, die sich aus meiner Wahrnehmung in vielen Fallstricken verfing und auch einiges über mehr oder auch eher weniger reflektierte Beiträge der Menschen auf dem Podium, aber darum geht es mir hier nicht.
Da es ein bisschen auch Fishbowl sein sollte, gab es auf dem Podium auch einen Stuhl für wechselnde Menschen aus dem Publikum zum Mitdiskutieren. Irgendwann setzte sich ein*e mutige* 16 jährige* mit auf das Podium. Die Moderatorin sprach sie* an im Sinne von: „Du bist also Feminist*in“. Die junge Frau* kicherte ein bisschen und antwortete, dass sie* es nicht weiß. Darauf die Moderatorin:“ Aber Du hast doch gerade in dem Theaterstück mitgespielt, da ging es doch um ungleiche Bezahlung von Frauen* und Männern* und darum, dass Männer* auch Hausarbeit machen und die Kinder betreuen sollen. Dann bist Du doch Feminist*in.“ Sie antwortete:“Wenn Sie das sagen, dann ist das wohl so“.

Diese Situation geht mir die ganze Zeit immer wieder durch den Kopf. Es passiert so automatisch: wir werden älter. Die völlige Rechtlosigkeit der Kindheit und Jugend liegt hinter uns. Und wenn wir nicht zum Beispiel durch eine Behinderung oder durch eine Psychiatrisierung mit Gewalt in einem „unmündigen“ Status gehalten werden, dann sind wir irgendwann „mündig“. Wikipädia sagt dazu: „Der Begriff Mündigkeit beschreibt das innere und äußere Vermögen zur Selbstbestimmung. Mündigkeit ist ein Zustand der Unabhängigkeit. Sie besagt, dass man für sich selbst sprechen und sorgen kann.“
Es ist offensichtlich: diese junge Frau* darf nicht für sich selber sprechen.

Der Status der Unmündigkeit wird „natürlich“ von bereits Mündigen definiert und festgelegt. Und daher liegt es genau an den Mündigen -den Erwachsenen-, hier die Rahmenbedingungen zu verändern, wenn es ein wirkliches Interesse gibt die herrschenden Machtstrukturen zu verändern, um ein gewaltfreies Zusammenleben möglich zu machen.

Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch tatsächlich keine Gewalt, keine Diskriminierung und Herabsetzung in seinem Leben erlebt hat. Durch den rechtlosen Status in Kindheit und Jugend wurde wir alle verletzt. Mir scheint, dass sehr viele Menschen dies aber lieber verdrängen. Der ohne eigenes Zutun für viele zu erreichende Status der „Mündigkeit“ bietet hier offenbar eine gute Möglichkeit. Mir fällt nämlich automatisch eine Machtposition zu, ich habe Macht über Kinder und Jugendliche. Und das auch, wenn ich gar nicht direkt mit ihnen zusammen lebe. All meine Verletzungen kann ich kompensieren, in dem ich mich in diesem Kontext überlegen fühlen kann. Ich definiere, was in welcher Form besprochen wird und was nicht. Ich kann eine Sprache kreieren, die von vorne herein Kinder und Jugendliche ausschließt. Durch die von mir gesetzten Regeln wird ein Kind erst unmündig gemacht.

Was kann dies bedeuten für die Verhinderung von sexueller Gewalt?
Allgemein müssen die jeweils „Machthabenden“, aktiv Strukturen schaffen, um es den „Machtlosen“ zu ermöglichen zu sprechen! Weil es eben so oft den „Machtlosen“ nicht möglich ist sich ihren Raum, ihre Sprache etc. zu erkämpfen.
Ich meine hier verschieden Ebene:
zum einen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Kinder ernst genommen werden und in dem achtsam mit den Signalen der Kinder, ihrer Art und Weise sich zu äußern, umgegangen wird.
Zum anderen bedeutet es auch, einen Rahmen zu schaffen, wo Betroffene von Gewalt, egal welchen Alters, sich politisch äußern können ohne stigmatisiert zu werden.

An diesem Punkt kommt es oft zu Verdrehungen. Die Reflexion der eigenen Privilegien, der eigenen Machtpositionen ist unbedingt wichtig und sicher auch eine Voraussetzung für Veränderung. Die uns umgebenden Gewaltstrukturen lösen sich dadurch aber nicht auf.
Alle meine alltäglichen Handlungen muss ich also vor dem Hintergrund meiner Machtpositionen überdenken.

Gerade (aber nicht nur) im Kontext von sexueller Gewalt gegen Kinder kommt es hier oft (mehr oder weniger bewusst, meist mehr..) zu Verdrehungen.
Um hier ein erschreckendes Beispiel zu geben: durch die Mainstream Medien geht immer wieder die „Geschichte“ einer über 40 jährige österreichische Handballtrainerin, die zu ihrem 13 jährigen Schüler eine sexuelle „Liebesbeziehung“ (so der Sprachgebrauch in den Medien) aufgenommen hat. In Talkshows und Dokumentationen versicherte und versichert der junge Mann immer wieder, er würde seine Trainerin lieben und alles sei freiwillig. Ein Diskurs der folgte, war natürlich: er ist schon so reif, es geht doch nicht, dass ihm abgesprochen wird, so eine Entscheidung zu treffen.

Nein, es geht nicht darum, ihm abzusprechen, dass er die Trainerin liebt. Es geht auch nicht darum, über seine „Reife“ zu befinden.
Tatsächlich hätten die Strukturen mit bedacht werden müssen. Und dies hätte bedeutet, die Trainerin und ihr Verhalten und eben nicht das des Schülers in das Zentrum der Debatte zu stellen. Die gesellschaftlichen Strukturen geben ihr eine ungleich größere Macht als ihm. Und hier muss der Fokus liegen: sie hätte sich in seinem Interesse und aufgrund ihrer viel größeren Macht einfach ein paar Jahre zurückhalten können und müssen.

An beiden Beispielen wird deutlich, wie die Machtstrukturen von Erwachsenen unreflektiert genutzt werden für die jeweils eigenen Zwecke. Und einmal mehr wird deutlich, wie unverzichtbar die ständige Reflexion, das kontinuierliche Hinterfragen der Machtverhältnisse, in denen wir mit Kindern leben oder arbeiten, ist. Wir müssen permanent unsere eigenen Position den Kindern und Jugendlichen gegenüber mit denken, auf dem Weg zu einem möglichst gewaltfreiem Leben mit Kindern.

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