Hierfür Worte zu finden und diese Gefühle zu thematisieren, ist für mich sehr politisch

Manche Begegnungen können einen wirklich sehr überraschen. Gestern war ich mit einer Arbeitskollegin was trinken. Eine Person, bei der ich mich immer wieder frage, was wir gemeinsam haben und dennoch merke ich, dass wir connecten. Wenn wir uns unterhalten, merke ich, dass unsere Gespräche tief gehen. Wir kommen aus – politisch betrachtet – unterschiedlichen Richtungen, auch wenn ich uns beide als im weitesten Sinne links einschätzen würde.

Als wir uns gestern unterhielten, kam unser Gesprächsthema irgendwann auf ‚Verzeihen‘. Klar, dass ich sofort an ‚T_äter verzeihen‘ gedacht habe und wie absurd ich das finde. In unserem Gespräch, meinte sie, dass sie gemerkt hat, dass es gut für sie ist, wenn sie Menschen verzeiht, die scheiße zu ihr waren. Sie lässt dann mehr los, eine bestimmte Verkrampftheit lässt nach, Wut wird weniger …  das Leben dreht sich weniger um den Menschen, der die Gewalt ausgeübt hat.

Solche Diskussionen hatte ich ja schon häufiger, aber dabei ging es dann immer mehr um einen Argumentationsaustausch und nicht so sehr darum, wie wir – zwei Menschen – real mit unseren Erfahrungen umgehen. Denn ich konnte, so ging unser Gespräch weiter, ihre Erfahrungen nicht teilen – dachte ich zuerst.

Wenn ich an sexualisierte Gewalt denke, habe ich zum Thema ‚Verzeihen‘ vorrangig folgende Assoziationen:
Vergeben – es war ja gar nicht so schlimm – es ist schon ok – lass uns zusammen darüber hinwegkommen – bzw. du solltest darüber hinwegkommen … und weiter … es ist ja gar nicht so schlimm, wenn das anderen passiert, die müssen dann eben auch verzeihen …

Es macht etwas unlebendig in mir, wenn ich diesen inneren Weg gehe. Etwas in mir muss sterben, damit ich verzeihen kann.

Gleichzeitig hab ich gemerkt, dass ich auf irgendeiner Ebene verstehen kann, was sie meint. Aber eben nur, wenn ich es nicht auf sexualisierte Gewalt beziehe. Ich habe dabei an einen Exfreund gedacht, erzählte ich meiner Arbeitskollegin. Als er sich getrennt hatte, war ich so wütend auf ihn. Er hatte einiges getan, was ich ihm niemals verzeihen würde, hatte ich damals gedacht. Da war ich 19, es ist jetzt also 11 Jahre her. Einiges, nicht alles, davon habe ich ihm heute verziehen. Das ist so gekommen mit der Zeit. Ich ordne heute manche Sachen anders ein. Ihm einige der Dinge von damals zu verzeihen fühlt sich gut an und macht mich lebendiger.  Es macht irgendetwas in mir wieder fließender. Es fühlt sich eben nach dem Gegenteil von starr, festgefahren oder verbissen an. Nach Entwicklung, nach Leben und Lebendigkeit. An dieser Stelle war verzeihen für mich das richtige. Und genauso richtig und lebendig und unverbissen fühlt es sich für mich an, Vergewaltigern nicht zu verzeihen. Es fühlt sich gut und lebendig an mir einzugestehen, dass ich das unverzeihlich finde. Ich fühle mich verbunden mit der Welt, wenn ich fühle, dass ich es auch unverzeihlich finde, wenn anderen Kindern Gewalt angetan wird. Ich fühle, dass ich mitfühle und das ich mich fühle. Ich wüsste nicht, wie ich fühlen könnte, dass es falsch ist  Kindern Gewalt anzutun, wenn ich das doch verzeihlich fände. Dieses Gefühl, dieses Mitgefühl und diese Wut über das alles möchte ich niemals verlieren. Niemals möchte ich es verzeihen können. Das ist für mich Lebendigkeit. Das wird mir niemand nehmen oder ausreden können. Ich bin glücklich über diese Lebendigkeit. Ich bin froh, ja sogar dankbar, dass ich diese lebendige Wut spüren kann, die mich niemals verzeihen lässt, was unverzeihlich ist.

Es war noch ein sehr schöner Abend. Wir sprachen noch lange über unsere unterschiedlichsten Erlebnisse mit Verzeihen. Ich weiß, wie gut es sich anfühlt Dinge loszulassen und endlich verzeihen zu können. Und je länger wir sprachen, um so klarer und lebendiger hat es sich angefühlt, unverzeihliches niemals zu verzeihen.

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