Familienbilder

Leider komme ich von Zeit zu Zeit in die Situation, dass plötzlich und unvorbereitet jemand von mir verlangt einem Täter (bisher tatsächlich ausschließlich cis Männer) die Hand zu schütteln. Dann nämlich, wenn befreundete Personen, die in der Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben, wieder Kontakt mit ihrer Herkunftsfamilie aufgenommen haben. Die Täter sind nun alt und in der Wahrnehmung meiner Freund*innen haben sie sich verändert…Was bedeutet, dass meine Freund*innen kein Problem darin sehen, mich in so eine Situation zu bringen.
Diese Situationen lösen viele verschiedene Emotionen in mir aus: ich bin wütend über diese Zumutung, ich ekele mich, den Täter berühren zu müssen, ich missgönne den Tätern diese Zuwendung, ich habe Angst, wie sich der Kontakt mit dem Täter auf meine Freund*innen auswirkt, aber ich fühle auch mit meinen Freund*innen in ihrer Sehnsucht nach ihrer Herkunftsfamilie.
Ich habe mit Anfang 20 den Kontakt mit meiner Herkunftsfamilie dauerhaft abgebrochen. Der Prozess, bis ich den Kontakt abbrechen konnte, war schwierig und schmerzhaft. Auch in den dann folgenden Jahren gab es immer wieder Zeiten, in denen ich eine große Sehnsucht nach meiner Herkunftsfamilie hatte. Letztendlich war mir aber immer total klar, dass sich ja die Dynamik innerhalb dieser Familie überhaupt nicht verändert hatte. Es gab keine Auseinandersetzung mit der an mir und an anderen Kindern verübten sexualisierten Gewalt, keine Auseinandersetzung mit dem emotionalen Missbrauch an uns Kindern, nicht mal eine Einsicht, dass diese Familie komplett missbräuchlich und zerstörerisch war. Unter anderem dadurch fühlte und fühle ich auch immer wieder, wie absolut unverzichtbar der Abbruch für mein Überleben war und wie viel persönliche Freiheit für mich daraus erwachsen ist.
In der Auseinandersetzung mit meiner Geschichte in meiner Selbsthilfegruppe ging es wirklich oft darum, meine Sehnsucht nach der Herkunftsfamilie zu sortieren. Zu sortieren nach den immer noch vorhandenen kindlichen Wünschen, die niemals vom Außen erfüllt werden können. Diese kindliche Sehnsucht kann nur ich als heute Erwachsene immer wieder wahrnehmen und Verständnis und Empathie für mich selbst haben…und die Gefühle aushalten. Und über die Jahre wurde die Sehnsucht immer weniger und tritt heute nur noch in extrem seltenen Momenten auf.
Es war auch wichtig in der Gruppe das Erleben zu sortieren im Hinblick auf gesellschaftliche Bildern und Vorstellungen von Familie, die sehr wirkmächtig sein können. Überall wird uns vermittelt, dass die Familie insbesondere die Herkunftsfamilie Zentrum unseres Seins ist. Ein Kontaktabbruch ruft häufig große Irritation bis hin zu Aggression hervor: so wurde ich mit Mitte 30 bei einer ärztlichen Untersuchung nach den Krankheiten meiner Eltern gefragt. Als ich sagte, dass ich darüber nichts wüsste, kam eine erstaunte Nachfrage. Ich sagte dann, dass ich keinen Kontakt hätte. Die Ärztin* wirkte daraufhin sehr ungehalten und sagte mir, dass das aber kein gutes Verhalten wäre. Ich war natürlich nie wieder bei dieser Ärztin*, trotzdem nagen solche Rückmeldungen an mir. In vielen Kontexten halte ich mich beim Thema Eltern und Herkunftsfamilie u.ä. lieber zurück oder reden drumherum. Denn auch bei mir eigentlich zugewandten Menschen gibt es zumindest eine großes Erstaunen: „wie, Du hast den Kontakt wirklich komplett abgebrochen?“ Ja, und das ist gut so!

Im Zwischenbericht der sogenannten Aufarbeitungskommission und auch in Veröffentlichungen des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs finden sich in Bezug auf sexuelle Gewalt gegen Kinder innerhalb der Familie Aussagen wie: „an den gesellschaftliche Vorstellungen von Familie muss etwas verändert werden“…Nur steht nirgendwo, was genau wie sich verändern soll. Ok, dies ist von diesen Gremien auch nicht unbedingt zu erwarten, denn sie funktionieren ja gerade auf der Grundlage der gegebenen patriarchalen Strukturen.
In Diskussionen mit anderen Betroffenen zeigt sich mir immer wieder, dass es sehr wohl konkrete Vorschläge, die gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie dauerhaft verändern könnten, gibt. Primär ist es wichtig, wieder und wieder in die Diskussion zu bringen, dass Kinder mehr als ein oder zwei Bezugspersonen brauchen. Gesetzlich und auch finanziell sollten erst einmal alle Zusammenhänge die gemeinsam die Verantwortung für Kinder übernehmen abgesichert werden (WGs, zwei Mütter und zwei Väter und alle weiteren Konstellationen, die es ja gibt). Ein Zusammenleben von mehreren Erwachsenen und Kindern müsste unterstützt werden, unter anderem auch durch den Bau passender Wohnungen. Und außerdem ich bin ein großer Fan von der Idee, dass sich Kinder (in jungem Alter, aber auch später im Leben) von ihren Eltern „scheiden“ lassen können. Wenn Eltern nicht in der Lage sind, eine liebevolle Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen, sie zu unterstützen, ihnen einen angemessenen Raum zur persönliches Entwicklung zu geben, dann können Kinder sich andere unterstützende Erwachsene suchen. Für die dann schon erwachsenen Kinder würde eine „Scheidung“ bedeuten, in keinerlei Verpflichtung für die Eltern, z.B. wenn diese alt werden, zu sein. Es ist ein Skandal, dass erwachsene Kinder für ihre Eltern bezahlen müssen. Und zwar auch dann, wenn die Beziehung gut ist. Ist sie schlecht, so ist es gänzlich eine Katastrophe.

Ja, wahrscheinlich wird es noch ziemlich lange dauern, bis sich die Rahmenbedingungen in so eine Richtung verändern. Solche Veränderungen offensiv zu fordern, halte ich trotzdem für sinnvoll. Auch damit das Denken sich verändern kann, weg von diesem Zwangskonstrukt Familie.

Für mein Umfeld und für mich selbst, ist die Reflexion über die gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie ein andauernder Prozess. Dazu gehört auch, dass wir uns immer wieder vor Augen führen, dass die von uns selbst gewählten Beziehungen diejenigen sind, die in Wirklichkeit unsere freigewählten „Familien“ bilden.
Gäbe es eine ehrlichere Diskussion über die Beziehung zu Eltern und über das Konstrukt Familie, dann würde es womöglich nicht so einfach gehen, dass mir eine Freund*in ihren vergewaltigenden Vater vorstellt mit der Begründung, er gehöre schließlich zur Familie.

4 Gedanken zu „Familienbilder

  1. Ich hätte da drei Fragen zu den *-Schreibweisen:
    1) Warum schreibst Du “T*äter” wenn es in dem Text ausschließlich um Täter geht?
    2) Sind unter den Freund*innen von denen Du schreibst auch nicht-binäre Menschen bzw. Menschen bei denen Du nicht weißt ob sie nicht-binär sind? Wenn nicht: Was soll das * aussagen?
    3) Was soll das * bei “Ärztin*” aussagen?

    • Hallo chirlu,
      danke für deinen Kommentar.
      Zu1) Bei dem ersten Sternchen (bei T*äter) hast du recht. Das kann man auch weglassen. Ich habe das geändert.
      Zu 2) Die Freund*innen von mir haben tatsächlich unterschiedliche Gender.
      Zu ) Und zur ‚Ärztin*‘: Ich habe die ärztliche Person weiblich gelesen, kenne aber die Selbstdefinition nicht und möchte das ausdrücken. Mit dieser Schreibweise experemntiere ich zur Zeit. Die Idee ist hinter jede geschlechtliche Beschreibung/Zuschreibung ein * zu setzen und damit auf die Konstruiertheit von Geschlecht hinzuweisen.

      • Hallo Ansichtssache,
        die Praxis an jede geschlechtliche Beschreibung/Zuschreibung ein * anzuhängen wurde ja in den letzten Jahren immer wieder kritisiert.(1) Ein häufiger Kritikpunkt war, dass meist nicht wirklich klar ist, was mit dem * zum Ausdruck gebracht werden soll. Daher finde ich es gut, wenn da wo * eingesetzt werden auch immer eine Erklärung zu finden ist, was das * jeweils ausgessagen soll. Und wenn beim Schreiben der Erklärung nochmal darüber nachgedacht wird, welchen Sinn die Schreibweise an dieser Stelle ergibt und ob damit nicht doch wieder Gewaltstrukturen reproduziert und Menschen fremdverortet, ausgeschlossen und|oder für nicht existent erklärt werden.

        (1) Als Beispiel hier eine kleine Sammlung von kritischen Twitter-Threads insbesondere zur Schreibweise „Frauen*“: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9

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