Sexualisierte Gewalt und Machtverhältnisse

Die Annahme, die ich hier diskutieren möchte ist, dass sexualisierte Gewalt ein Ausdruck von Macht ist, Sexismus EIN Machtverhältnis unter vielen ist und sexualisierte Gewalt somit auch ein Ausdruck von anderen Machtverhältnissen wie Rassismus, Transphobie, Homophobie, Ableismus, Adultismus etc. sein kann – und nicht ausschließlich und alleinig von Sexismus.

In der letzten Zeit, haben sich Gespräche mit Freund_innen um ein scheinbar kleines, aber wie ich finde doch relevantes Phänomen gedreht: Sexuelle Gewalt als Ausdruck von Sexismus. Oder auch sexualisierte Gewalt im Abgrenzung zu Sexismus. Ja, diese Debatte ist auch schon alt. Es scheint mir aber wichtig, sie gerade jetzt neu zu diskutieren.

In der BRD wurden insbesondere in den Achtzigern feministische Ideen, Konzepte und Umgänge zu sexualisierter Gewalt entwickelt und seitdem immer wieder neu diskutiert. Auch Begrifflichkeiten wurden neu eingeführt und bis heute immer wieder verändert, so ist z.B. der Begriff „sexualisierte Gewalt“ der im Moment gebräuchlichste Begriff, um diese Form der Gewalt zu bezeichnen.
Wie der Begriff in „der Szene“ gebraucht wird, (ich schreibe Szene in Anführungszeichen, weil es natürlich nicht DIE linke /queere Szene gibt) umfasst der Begriff ein großes Spektrum an Gewalt:
Es meint Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, organisierte sexualisierte Ausbeutung von Kindern oder Erwachsenen. Es beschreibt sexualisierte Grenzüberschreitungen, übergriffiges Flirten. Es meint aber auch ein Nein zu übergehen, selbst wenn das Paar schon hundert mal vorher Sex hatte.
Es bezeichnet eben sehr viel mehr, als nur das, was vom Gesetzgeber als „falsch“ angesehen wird und somit bestraft werden könnte. Im Grunde beschreibt es auch das, was in „der Szene“ als „der sexistische Normalzustand“ bezeichnet wird.
Diese Aufzählung ist nicht vollständig und könnte noch viel weiter ausgeführt werden. Der Begriff beschreibt aber vor allem das, was von einer betroffenen Person als sexualisierte Gewalt erlebt wird. Das liegt daran, dass dieser Begriff vor allem in emanzipatorischen und feministischen Zusammenhängen gebraucht wird, die Schutzkonzepte benutzen, die die Gewaltwahrnehmung der/des Betroffenen in den Fokus nehmen und nicht scheinbar ‚objektive‘ Kriterien von Gewalt.
Es ist definitiv von Vorteil ein Wort und Konzepte dafür zu haben, welche auch beschreiben, was andere als eben nicht so wichtig für die Diskussion, weil nicht strafrechtlich relevant, abtun. Wir können mit dem Begriff – sexualisierte Gewalt – also viel mehr bezeichnen, und somit wahrnehmen, als das was vom Gesetz als Gewalt bezeichnet und wahrgenommen wird.

In „der Szene“ wird immer wieder versucht den Fokus auf den Teil der sexualisierten Übergriffe zu erweitern, der von einer Mehrheit in „der Gesellschaft“ als normal und deswegen als unwichtig betrachtet wird. Das zu tun, ist politisch wichtig. In der letzten Zeit ist mir immer wieder die Wortkombination „sexualisierte Gewalt und sexistische Diskriminierung“ begegnet. Ich habe es in den jeweiligen Kontexten als eben diesen Versuch betrachtet ein erweitertes Gewaltverständnis zu transportieren. In der Regel werden diese Begriffe als Wortpaar, als Doppelbegriff verwendet.
Das hat Vorteile, da der Begriff „sexistische Diskriminierung“ zudem den Raum/die Handlungen vor sexualisierter Gewalt (definiert als alles was von einer betroffenen Person als solche wahrgenommen wird) bezeichnet und damit den Gewaltbegriff erweitert. „Sexistische Diskriminierung“ bezeichnet auch die Handlungen, die als herabsetzend/beleidigend (diskriminierend) erlebt werden – und somit auf keinen Fall ok sind – aber von Betroffenen eben auch nicht als (sexualisierte) Gewalt empfunden werden und somit auch nicht so bezeichnet werden sollen und wollen. So wird ein sexistischer Kommentar oder von einer unbekannten Person sexualisiert Angefasst werden, von den einen als sexualisierte Gewalt erlebt, während Gewalt für andere ein zu starker Ausdruck ist, um das Erlebte zu bezeichnen.
Dafür ist die Begrifflichkeit „sexistische Diskriminierung“ sinnvoll. Sie ermöglicht vieles zu benennen und in unsere Analysen mit einzubeziehen, was sonst immer wieder aus den Debatten um sexualisierte Gewalt raus fällt.

In Kombination sind die Begriffe aber nicht nur gut und sinnvoll. Zum Beispiel deutet es darauf hin, dass sexualisierte Gewalt alleiniges Problem und Ausdruck von Sexismus sei („sexistische Diskriminierung“). Das ist auch die gängige Vorstellung in „der Szene“. (Jedenfalls wenn es als Ausdruck von Macht verstanden wird.) Demnach ist sexualisierte Gewalt eine Art Fortführung von Sexismus. Also im Sinne einer Steigerung. Ungefähr so: Abwerten von Frauen*, strukturelles Benachteiligen von Frauen*, sexuelle Belästigung von Frauen*, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung. Das könnte durchaus so sein. Es könnte aber auch so sein: Abwerten von nicht-weißen Menschen, strukturelles Benachteiligen von nicht weißen Menschen, exotisieren von nicht-weißen Menschen, sexuelle Übergriffe aufgrund dessen, Vergewaltigung.
Was ich damit sagen will ist, dass sexualisierte Gewalt etwas mit Machtstrukturen zu tun hat und Sexismus ist EINE Form davon. Es gibt sehr viele sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen aufgrund von Rassismus. Genauso wie es sie aufgrund von Ableismus, Adultismus, Transphobie etc. gibt. Das alles wird in solchen Formulierungen aber nicht deutlich. Es beschränkt sprachlich die Analyse von sexualisierter Gewalt darauf, dass es immer ein Ausdruck von Sexismus sei.

Ich wünsche mir, dass wir sexualisierte Gewalt als mehr sehen, als lediglich als Ausdruck von Sexismus. Es ist ein Ausdruck von Macht und als das sollte sexualisierte Gewalt auch gesehen und benannt werden.

Ich möchte als nächstes ein weiteres Machtverhältnis (neben Sexismus) näher beleuchten und zwar das Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, bzw. möchte ich beleuchten, wie innerhalb „der Szene“ damit umgegangen und wie es diskutiert wird. Ich habe mich aus zwei Gründen für dieses Machtverhältnis entschieden. Zum einen weil ich sexualisierte Gewalt unter anderem als (weißes ableisiertes cis) Kind erlebt habe und ich zu anderen Machtverhältnissen und deren Verschränkungen, zumindest aus eigener Erfahrung nichts sagen kann und zum anderen weil den gängigen Statistiken nach, Kinder eine große Gruppe der Betroffenen ausmachen. Vielleicht sogar die größte.
Die sexualisierte Gewalt, die ich erlebt habe, habe ich als Mädchen* erfahren – nicht als Frau*. (Als Frau* habe ich auch sexualisierte Gewalt erfahren, aber da war ich in andere Machtverhältnisse, als als Mädchen*, eingebunden.)
Als Kinder sind wir innerhalb von Machtverhältnissen ganz anders positioniert als wir es als Erwachsene sind. Wir hatten andere (ich würde sagen weniger) Möglichkeiten uns zur Wehr zu setzen. Dazu gibt es bereits einen Text auf diesem Blog.

Und wie wird das in „der Szene“ diskutiert? Ich würde sagen gar nicht. Aber nur weil etwas nicht diskutiert wird, heißt es ja nicht, dass es keinen Umgang damit gibt. Es gibt eben nur keinen besonders bewussten Umgang. Obwohl es keinen bewussten Umgang gibt, wird sich gleichzeitig auf Statistiken bezogen, in der sowohl Kinder, als auch Erwachsene die Betroffenen von sexualisierter Gewalt sind, danach wird aber oft einfach weiter diskutiert, als ob wir nur noch über Erwachsene (meistens Frauen*) reden.
Das Verrückte ist, irgendwie wird diese Trennung zwischen Gewalt von Erwachsenen gegen Kinder und Gewalt gegen andere Erwachsene in „der Szene“ aber dann doch gemacht, obwohl es nicht wirklich diskutiert wird. In „der Szene“ wurden (soweit ich weiß) bisher nur Schutzkonzepte entwickelt, die die Gewalt in Bezug auf Erwachsene im Blick haben. Es ist eine große Errungenschaft, dass es überhaupt solche Konzepte gibt. Ich persönlich bin darüber sehr glücklich und auch dankbar, dass es Feminist_innen gab und gibt, die diese Ideen und Strategien entwickelt haben und auch jetzt weiter entwickeln.
Das Problem in dieser Trennung ist, dass eines von beiden sehr schnell zur Norm wird und das andere zur speziellen Situation.
Ich habe vor ein paar Jahren Menschen interviewt, die zu Definitionsmacht arbeiten. Als ich meinen Interviewpartner_innen gegenüber bemerkte, dass bekanntlich am häufigsten sexualisierte Gewalt in Familien stattfindet (was sie bereits wussten) und die Betroffenen in der Regel Kinder seien (was sie auch wussten) und fragte, ob das Konzept der Definitionsmacht hier auch angewendet werden könnte, waren alle über die Frage überrascht. Darüber hatte noch keine meiner Interviewpartner_innen nachgedacht. Alle antworteten, dass das Konzept hier wohl etwas modelliert werden müsste, da die Situation von Kindern in Familien dann doch eine speziellere sei. Gemeint war vermutlich, dass Machtverhältnis, in dem die Kinder leben, so wie der jeweilige Entwicklungsstand des Kindes. Wir haben also in den Szenediskussionen bereits das Phänomen, dass – obwohl alle wissen, dass Kinder einen großen Teil der Betroffenengruppe ausmachen – Erwachsene die Norm und Kinder die spezielle Situation darstellen.

Die „spezielle“ Situation von Kinder zu ignorieren, funktioniert, indem wir sagen, die Mehrheit der Kinder seien aber Mädchen*, also die Diskussion wieder auf Geschlecht verengen. Aber Mädchen* sind keine Frauen*. Das Machtverhältnis unter dem Mädchen* (wie Jungen*) leiden, heißt Adultismus, nicht Sexismus. (Natürlich wirkt Sexismus auch auf Kinder, dennoch leben Kinder in einem ganz anderen und viel stärkeren Abhängigkeitsverhältnis als erwachsene Frauen*).

Wir haben also bereits Worte und ein Verständnis dafür entwickelt, dass sexualisierte Gewalt sehr viel mehr ist, als das was vom Gesetzgeber (und vom Mainstream) gesehen wird. Trotz der Erkenntnis, dass sexualisierte Gewalt ein Ausdruck von gesellschaftlichen Machtstrukturen ist (und nicht etwa ein Ausdruck von Sexualität) und wir in „der Szene“ viele Diskussionen um verschiedenste Machtverhältnisse haben, hat sich die Meinung durchgesetzt, dass sexualisierte Gewalt ausschließlich ein Ausdruck von Sexismus sei. Aber nicht von Adultismus, Rassismus, Ableismus usw.

Ich persönlich wünsche mir, wenn wir schon begreifen, dass sexualisierte Gewalt etwas mit in sich verschränkten gesellschaftlichen Machtstrukturen zu tun, dass wir dann nicht nur Sexismus bei unseren Betrachtungen im Blick haben. Sexualisierte Gewalt kann eben auch ein Ausdruck von Adultismus, Rassimus, Transphobie, Homophobie, Ableismus etc. sein. Darüber wünsche ich mir mehr Diskussionen.

2 Gedanken zu „Sexualisierte Gewalt und Machtverhältnisse

  1. Hallo Ansichtssache,
    ich finde das im Text formulierte Anliegen, sexualisierte Gewalt als Ausdruck von unterschiedlichen Machtverhältnissen und deren Verschränkungen zu verstehen, sehr gut und wichtig. Zum einen weil bei der klassischen eindimensionalen Machtanalyse die Realität von Betroffenen, die nicht in das gewohnte Raster passen, immer wieder ausgelöscht oder zu einer Randerscheinung, einem individuellen Problem erklärt wird. Zum anderen weil ich denke, dass ein differenziertes Verständnis der im Zusammenhang mit den eigenen Gewalterfahrungen real wirksamen Machtmechanismen und -strukturen sehr hilfreich sein kann.
    Sehr enttäuschend finde ich, dass mit dem Satz »Das Machtverhältnis unter dem Mädchen* (wie Jungen*) leiden, heißt Adultismus…« erneut die Deutungshoheit über die Realität aller »Mädchen* (wie Jungen*)« beansprucht und kein Raum dafür gelassen wird, dass bei anderen auch andere Machtverhältnisse und Verschränkungen im Vordergrund stehen können. Ich denke, dass am Ende nur die jeweils betroffene Person wirklich beurteilen kann, welche Machtstrukturen in ihrer Geschichte wirksam waren. Und ich finde es sehr wichtig, Betroffenen die Deutungshoheit über sich und die eigene Geschichte zu lassen.

    • Hallo, wir sind da einer Meinung, es gibt gar keinen Widerspruch. Der Satz, den Du zitierst ist leider aus dem Zusammenhang gerissen, vollständig lautet er: „Das Machtverhältnis unter dem Mädchen* (wie Jungen*) leiden, heißt Adultismus, nicht Sexismus. (Natürlich wirkt Sexismus auch auf Kinder, dennoch leben Kinder in einem ganz anderen und viel stärkeren Abhängigkeitsverhältnis als erwachsene Frauen*).“ Welches Machtverhältnis bei wem individuell im Vordergrund steht, hebelt meiner Meinung nach nicht aus, dass alle Kinder von Adultismus betroffen sind. Adultismus ist ein Machtverhältnis, was meiner Meinung nach in den meisten Diskussionen um sexualisierte Gewalt kaum Beachtung findet. Deshalb ist es mir wichtig, dies immer wieder zu betonen. Das dies mit anderen Machtverhältnissen zusammen wirkt, ist hoffentlich aus dem Text klar geworden.

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