G20 – das angeknackste Ego eines patriarchalen Kapitalismus

Ein Beitrag von Jey

Sie sitzt fassungslos vor dem Bildschirm. Aus den Boxen dröhnt die monotone Stimme des Nachrichtensprechers. Großes Unverständnis, dass sich in jeder Faser ihrer Zellen breit macht, erfüllt sie mit einem Gefühlsgemisch ohnmächtiger Wut. Vage erinnert sie sich an einen Artikel über die Strafmaßnahmen nach G20, den sie vor einigen Tagen gelesen hatte.
Sie war nicht in Hamburg, findet es schwierig sich zu positionieren. Aber die Unverhältnismäßigkeit der nun folgenden Konsequenzen des Staates, die Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Urteile von Demonstrant_innen protzt ihr mit einer Ungerechtigkeit entgegen, das es nur schwer auszuhalten ist. „Wie kann das sein?“, fragt sie sich immer und immer wieder. Wie kann das sein, dass aus Demonstrant_innen Gewaltverbrecher_innen gemacht werden. Ein Begriff, der ihnen nicht nur jede politische Kritik abspricht, sondern sie zeitgleich in eine Machtposition drängt, die einfach nicht stimmig sein kann. Es beschleicht sie ein unangenehmes Gefühl, der Gedanke, dass aus Opfern* Täter_innen gemacht werden. Wobei sie sich noch nicht schlüssig ist, inwieweit sie mit diesem Gefühlsgedanken konform geht. Der Begriff des Opfers stört sie, wie schon in so vielen Zusammenhängen. Doch diesmal ist es mehr als die Stigmatisierungen, die dieser Begriff mit sich bringt…
Sie spult ihre Gedanken einige Schritte zurück. Weg von den Medien. Weg von der Situation. Zurück zur Definition von Gewalt – ein Begriff, der in so vielen Kontexten verwendet wird. Viel zu oft inflationär, wie sie findet, sodass er seine eigentliche Bedeutung verliert.
Irgendwo hatte sie gelesen, dass Gewalt von dem althochdeutschen Wort „waltan“ kommt, das so viel bedeutet wie „stark sein“ oder „beherrschen“. Sie überlegt, dass nur dann von Gewalt gesprochen werden kann, wenn es mindestens eine handelnde Person gibt, die die Gewalt ausübt. Zeitgleich braucht es aber auch mindestens eine Projektionsfläche, an der die Gewalt sich aus agiert. Unabhängig ob physisch oder psychisch. Zynisch muss sie schmunzeln. „Projektionsfläche“, wie das klingt. Aber letzten Endes scheint ihr kein anderer Begriff passender. Denn unabhängig, ob nun Mensch oder Gegenstand durch gewalttätiges Handeln verletzt wird, so hat diese Verletzung nichts mit den Opfern* zu tun, sondern orientiert sich an den Befindlichkeiten der Täter_innen. Diese nutzen ihre Überlegenheit, um ihre Macht gegenüber ihren Opfern* zu demonstrieren. In diesem Kontext fällt ihr auf, dass Gewalt nach ihrer Definition immer im Zusammenhang mit Machtmissbrauch steht.
Andersherum, überlegt sie weiter, wenn sich Opfer*, also die Menschen, die unterdrückt werden, gegen ihre Unterdrücker_innen auflehnen, sich also (eventuell mit gewalttätigen Methoden) zu Wehr setzen, würde sie in diesem Kontext auch von Gewalt sprechen?
Ein beklemmendes Gefühl krampft ihren Magen zusammen. Vor ihren Augen tauchen Bilder auf. Erinnerungen, voller Frust und Kälte. Plötzlich spürt sie die Schläge wieder, die sie jahrelang ertragen hat. Solange bis sie angefangen hat sich zu wehren und zurück zu schlagen. Das Zeichen war eindeutig: Nicht mit mir! Erschrocken über das unerwartete Aufkommen eines Bildertornados ihrer Kinder- und Jugendzeit, dreht sie sich eine Kippe. Ein klares Stopp für ihre Gedanken.
Als sie den Rauch inhaliert, überlegt sie wie Menschen, mit denen sie einen Teil ihrer Biographie geteilt hat, auf ihr Verhalten, dem sich Wehren, reagiert haben. Niemand hatte sie als Gewalttäterin bezeichnet. Ein unausgesprochener Konsens, dass ihr Zurück-Schlagen, keine wirkliche Gewalt gewesen sei, sondern der letzte Strohhalm, um für sich selbst und ihre Grenzen einzustehen.
Wie sie schon sagte, es ging um Zeichensetzung. Um ein klares: Mit mir nicht!
Damals, erinnert sie sich, hatten sie in der Schule die französische Revolution durch genommen. Sie war fasziniert davon, dass Menschen, denen auf Grund ihrer Stellung jedes recht entzogen war, sich angefangen haben zu wehren, um für ihre Rechte einzustehen. Wenn nötig auch mit gewalttätigen Methoden. Für sie war das damals der entscheidende Knackpunkt gewesen. Aber auch diese Menschen werden heute, im Verzeichnis unserer Geschichtsbücher nicht als Gewalttäter_innen bezeichnet, sondern als Revolutionär_innen und Widerstandskämpfer_innen. Ihre Gedanken springen von Frankreich nach Irland. Plötzlich spiegeln sich Ausschnitte einer Doku in ihren Augen wieder. Filmausschnitte des Bloody Sundays. Verrückt, denkt sie. Außer die Zeit und der Ort, findet sie kaum Unterschiede zwischen den Bildern von der G20 Demo, Sie erinnert sich an ein Statement Großbritanniens zu dieser Zeit, welches die militärische Gewalt an diesem uns heute bekannten „blutigem“ Sonntag massivst schmälert bzw. versucht zu rechtfertigen, indem den Ir_innen, den Demonstrant_innen und Freiheitskämpfer_innen, die Gewaltausschreitungen zugeschrieben werden. Das britische Militär wird somit zum Opfer gemacht, das sich lediglich auf die Gewalt reagiert habe. Sie drückt die Zigarette aus. Erstaunt über die Parallelen zu G20. Nur dass es uns heute erlaubt ist, Großbritannien in diesem Kontext, als Täter oder Unterdrücker zu definieren. Ja klar, denkt sie, denn es ist weit genug weg und auch lange genug her. Mit dem Finger auf andere zeigen, ein bekanntes Phänomen, solange man nicht vor seiner eigenen Haustür kehren muss. Ein großes Frustkotelett fängt an in ihrem Bauch zu dampfen. Sie fühlt sich daran erinnert, wie groß die Betroffenheit ist, wenn von Frauen* und Mädchen* gesprochen wird, die sexueller Gewalt ausgeliefert sind. Wütend fängt sie an mit dem Kulli auf ein Papier auf ihrem Bett zu stechen. „Zum Pfeffer mit eurer ach so tollen Betroffenheit“, flucht sie vor sich hin. „Davon kann sich keine was kaufen“ Was nützt all die Betroffenheit, wenn sich das Bewusstsein nicht verändert?, fragt sie sich zum aber-tausendsten Mal. Dass Frauen* und Mädchen* auch hier im vermeintlich sicherem Westen sexuell ausgebeutet werden. Dass mit ihnen gehandelt wird, als wären wir Frischfleisch. Frauen* als Kapital im Patriarchat. In anderen Ländern, in anderen Kulturen, aber bloß nicht hinter der akkuraten Fassade der eigenen Nachbar_innen. Sie schnaubt zynisch und wirft angewidert den Kulli gegen die Zimmertür. Sie schaut auf ihr Meisterwerk der Zerstörung – das zerstückelte Blatt Papier auf ihrem Bett – und überlegt kurz, ob es sich wohl als abstrakte Kunst deklarieren lasse.
Dann holt sie tief Luft um zurück zu ihrer Ausgangs-Überlegung zu kommen, dem Hinterfragen, warum sie den Opferbegriff im Zusammenhang mit den G20 Demonstrant_innen nicht ganz passend findet. Auf einmal liegt die Antwort ganz nah: Weil sie keine Opfer* mehr sind, denkt sie. Das ist doch eindeutig. Es sind Menschen, die sich versuchen aus der Unterdrückung des Staates zu befreien. Widerstandskämpfer_innen und revolutionäre Köpfe. Menschen, die es satt haben, die Macht der Herrschenden zu fressen. Und aus diesen Menschen werden nun in den Medien Gewalttäter_innen gemacht. Sie ignoriert den zynischen Gedanken von Pressefreiheit und versucht sich auf den Begriff Gewalttäter_in zu konzentrieren, welches ihr mit einer Wucht entgegen prallt.
Und ja, einer ihrer ersten Gedanken, stimmt. Den Demonstrant_innen wird an dieser Stelle eine Macht zugesprochen, die sie niemals hatten. Sie sind dem System des Staates unterlegen. Sie sind nicht die Mächtigen und somit, kann man auch nicht von Täter_innen sprechen. Diese ganzen Nachbeben, die Hausdurchsuchungen und Unverhältnismäßigen Strafen, erinnert sie an das verletzte Ego eines Mackers, der verzweifelt versucht dieses gewaltsam wieder aufzubauen.
Ja, es wirkt auf sie wie der panische Versuch des Staates, der nun erneut versucht seine Macht auszuspielen aus der Angst heraus, an Autorität und Ernsthaftigkeit verlieren zu können. Die Parallele zu den Gewaltausbrüchen des Vaters kläfft ihr in einer Grausamkeit entgegen, die sie versucht wieder in die Hinterwelt ihres Kopfes zu drücken. Sie hatte versucht zu lachen, während er auf sie einschlug, als wäre sie ein verstaubter Teppich. Ihn beschimpft und immer wieder geschrien: „du kannst mir gar nichts!“. Doch sowohl das Lachen, als auch ihre Worte spornten ihn nur noch an fester zu zuschlagen.
Sie schüttelt sich. Plötzlich taucht ein Auszug einer Talkshow, in ihren Gedanken auf, der sich irgendwo zwischen gescheiterten Sondierungsgesprächen und der Spirale der ewigen Schuldzuschreibungen verorten lässt. Zeitgleich erinnert sie sich, dass in diesem Kasperletheater von der Moderatorin eine Frage auftauchte, die auf das Durchwinken von Glyphosat abzielte. Einer der anwesenden Politiker – ob nun von der SPD oder CSU war aus ihrem Erinnerungsvermögen geplumpst – antwortet darauf: Er hielte diese Entscheidung für einen „dummen Jungenstreich“. Ihr war diese Formulierung des „dummen Jungenstreiches“ im Hals stecken geblieben. Mit dem „dummen Jungen“ geht sie konform. Da muss sie nicht lange nachdenken. Allerdings würde einem Junge, ob dumm oder intelligent, nicht die Verantwortung auferlegt werden, die Politiker_innen haben. Inwieweit sie dieser dann gerecht werden, ist eine andere Frage… Aber darüber möchte sie nun nicht weiter nachdenken. Und trotzdem ertönt dieses absurde Lachen und die bagatellisierenden Worte wie ein Echo in ihrem Gehörgang. Was für eine Welt, denkt sie. Was für eine Welt ist das, in der Menschen, die ihre Macht missbrauchen und Entscheidungen auf Kosten von anderen treffen können, als dumme Kinder betitelt werden? Und jene, die auf solche Missstände aufmerksam machen als Gewalttäter_innen dargestellt werden?
Gewalt, die sich in ihrer Masse, an Gegenständen ausagiert. Am Kapital und an materiellen Gütern.
Während die „kleinen, dummen Jungen“ im Schutz des Staates mit ihren Entscheidungen, Gewalt ausüben, mit folgenschweren Konsequenzen für unzählige Menschen.
Sie holt tief Luft. Trinkt einen Schluck. Dann dreht sie sich erneut eine Zigarette. Sie denkt an die Diskussionen mit Freundinnen, über die G20- Demo. Oft prallten Meinungen, Gefühle und Haltungen auf einander, Aber das hier, hat eine andere Ebene erreicht. Hier geht es nicht um die Frage, inwieweit Steinewerfen als Rebellion gegen das kapitalistische System vertretbar ist oder inwieweit militantes demonstrieren notwendig ist, um sich Gehör zu verschaffen. Ebenso wenig geht es um die Frage, ob durch die „Krawalle“, die berechtigte Kritik verloren ginge. Hier geht es um Verhältnismäßigkeit. Sie zündet sich die Kippe an. Es ist nicht nur das Verhältnis, schweift ihr ein Gedanke durch den Kopf. Es geht auch um Zeichensetzung. Um Schwerpunkte und Moral.
Es geht um die Frage, was ist Gewalt? Und es geht darum, wer jene definiert.
Würde man ihren Vater fragen, wäre sie definitiv die gewalttätige Tochter. Das böse Kind, das nicht gehorcht. Das Regeln nicht befolgt und das nicht aufhört, ihn und ihre Mutter zu terrorisieren.
Seine Regeln, die ihr keine Freiheit ließen. Keine Selbstbestimmung. Keine Rechte. Regeln, die sie zu seiner Marionette machen. In seinen Augen ist jeder Versuch von ihr seine Fesseln zu zerreißen ein Gewaltakt gegen seine Macht.
Die Definitionsmacht der Betroffenen, taucht es in ihren Gedanken auf. Genau, denkt sie, nicht die Täter_innen definieren die Gewalt, sondern die Menschen, die unter der Gewalt der Mächtigen leiden. Wo kämen wir denn sonst hin?, fragt sie sich. Im selben Moment muss sie schmunzeln. Genau dort, wo die Gedanken angefangen haben, fällt ihr ein. Zu verzerrter Berichterstattung, die uns glauben lassen soll, dass der Staat mit seinem menschenverachtenden und profitorientierten Werten zum Schutze seiner Bürger_innen agiert, und nicht auf Grund des angeknacksten Egos eines patriarchalen Kapitalismus.

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