T_äter

Angestoßen durch eine Diskussion auf dem Blog bluespunk.blogsport.de, in dem es um den schwierigen Gap zwischen Strukturkategorie und Geschlechtsidentität geht, möchte ich das Thema um die Wortwahl und das was diese verkörpert noch mal aufgreifen.
Leider bin ich jetzt eine ganze Weile nicht dazu gekommen, das hier auf diesem Blog zu tun. Aber die Diskussion um Worte verliert ja (leider) nicht an Aktualität.

Wir hatten auf unserem Blog unter den Text ‚Das ist Ansichtssache‘ einen Kommentar geschrieben, in dem wir darauf verweisen, dass wir hier, um die Strukturkategorie hervorzuheben, lediglich von Tätern und Täterinnen sprechen (und nicht von Täter_innen). Dies wurde von auf dem Blog bluespunk.blogsport.de aufgegriffen und kritisiert und hat dadurch eine spannende Diskussion in Gang gebracht, an der wir euch gerne teilhaben lassen wollen.

Und noch mal vielen Dank an bluespunk für diesen wunderbaren Artikel und die tolle Art die Diskussion noch mal zu öffnen.

Aber lest selbst:

Die Diskussion, um die es hier also gehen soll:
Könnte das Wort T_äter möglicherweise erstmal (bis wer ein besseres findet) benutzt werden, um damit zum einen die Strukturkategorie Geschlecht und zum anderen die Tatsache, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt sichtbar gemacht werden?
Bitte diskutiert mit oder hinterlasst einfach (kurz) eure Meinungen und Gedanken dazu.

Ein paar Gedanken zum Redebeitrag

Ich würde gerne noch ein paar Worte zu dem Redebeitrag loswerden. Für mich war es das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Dass ich vor so vielen Menschen stand und über sexualisierte Gewalt und einiges was mich dazu bewegt gesprochen habe. Ich war unglaublich aufgeregt. Meine Gedanken haben sich in der letzten Woche vor dem Redebeitrag im Kreis gedreht: Warum tue ich das nur? Bin ich denn völlig wahnsinnig? Ich stelle mich auf eine ‚Bühne‘ und erzähle allen, dass ich Betroffen von sexualisierter Gewalt bin? Was denken die dann über mich? Warum um alles in der Welt will ich das eigentlich tun? Will ich mich wirklich auf eine ‚Bühne‘ stellen ohne zu wissen, wer mir da eigentlich zuhört und eine meine tiefsten Verletzlichkeiten zugeben? Weiterlesen

Redebeitrag auf der Mad and Disability Pride Parade – behindert und verrückt feiern

Am 11.7. 2015 war es wieder so weit: Wir haben behindert und verrückt gefeiert. Ein riesen großes Dankeschön an dieser Stelle an die Orga der Mad and Disability Pride Parade!

Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden zusammen mit Dènes von Tauwetter einen Redebeitrag zu machen. Aufgeregt standen wir vor dem Mikro und haben folgendes vorgetragen:
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Psychotherapie ist kein Ort für Emanzipation

Sprechen Menschen über die ihnen angetane sexuelle Gewalt in der Kindheit und über die Schwierigkeiten und Probleme, die sie deswegen heute haben, mit ihren Freund*innen und Bekannten, so erhalten sie häufig die reflexhafte Antwort:“Dann mach doch ´ne Therapie.“ Ich vermute, dass hinter diesem Rat viel persönliche Unsicherheit steckt. Und wahrscheinlich auch die völlig verständliche Angst, als unterstützende Person etwas falsch zu machen. Deshalb sollten doch lieber „Fachleute“ helfen. Tatsächlich ist dieser Rat aber nur sehr bedingt ein guter. Denn dieser Rat beinhaltet den persönlichen Rückzug der Person, die gerade um Unterstützung gebeten wird. Der Verweis zur Therapie erfolgt dann, statt im Kontakt zu bleiben und die eigenen Gefühle zu benennen. Welche ja zum Beispiel sein können: „mir macht das Thema Angst“ oder:“ich bin mit deinen Schwierigkeiten überfordert“. Genau darüber ins Gespräch zu kommen, in Beziehung zu gehen, könnte tatsächlich hilfreich sein – für alle Beteiligten ;o).

Aus meiner Sicht macht der Verweis auf Psychotherapie aber auch noch etwas anderes: die sexuelle Gewalterfahrung wird in das Zweiersettings Therapeut*in und Klient*in verwiesen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder wird oft in der Abgeschlossenheit von Familie und Schule durch Bezugspersonen verübt. Und in eine vergleichbare Abgeschlossenheit, nämlich die der Psychotherapie, soll das Thema nun wieder verbannt werden. Auf die Spitze getrieben kann es bedeuten: sexuelle Gewalterfahrung wird wieder zu einem individuellen Problem, das nur die Beteiligten „etwas angeht“. Auch durch diesen Mechanismus wird das Thema entpolitisiert. Genauso schwerwiegend finde ich, dass dabei das „Konstrukt“ Psychotherapie nicht mitgedacht und nicht hinterfragt wird. Weiterlesen

und hier eine Einladung von Tauwetter…

Kurzmitteilung

Tauwetter (Anlaufstelle für Männer*, die von sexualisierter Gewalt in der Kindheit betroffene sind) hat uns gebeten diese Einladung zu veröffentlichen, was wir gerne tun.

 

Liebe Kolleg_innen, liebe Freund_innen,
anlässlich des 20-Jährigen Bestehens der Anlaufstelle für Männer*, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren mussten, möchten wir euch auf unsere Tagung am 23.10.2015 in Berlin aufmerksam machen. Die Tagung wird auf das Thema „Geschlechtsspezifik bei sexualisierter Gewalt“ ausgerichtet sein und eine Anmeldung ist ab Mitte Mai über unsere Homepage, www.tauwetter.de, möglich. Es würde uns sehr freuen, wenn ihr den Termin schon mal freihalten könntet.

Tauwetter, Anlaufstelle für Männer*, die als Junge sexualisierter Gewalt ausgesetzt
waren mail@tauwetter.de www.tauwetter.de Information und Beratung:
Offene Erstberatung: Di 18:00 – 19:00 Uhr, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin,
U-Bhf Mehringdamm Telefonische Beratung / Terminvereinbarung:
Di 16:00 – 18:00 Uhr, Mi 10:00 – 13:00 Uhr, Do 17:00 – 19:00 Uhr,
030 / 693 80 07
Emailkontakt und -beratung: beratung@tauwetter.de
Selbsthilfebereich Telefonische Terminvereinbarung:
Do 17:00 – 19:00 Uhr, 030 / 816 19 114 Emailkontakt: selbsthilfe@tauwetter.de

Räume zur Selbstdefinition

Als ich Mitte der achtziger Jahre eine  Selbsthilfegruppe für Frauen, die in der Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben, besuchte, hatte keine von uns Teilnehmenden je von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) oder überhaupt vom Begriff  „Trauma“ gehört. Wir trafen uns einmal in der Woche und genossen es, zusammen zu sein und einfach zu sprechen. Darüber zu sprechen, was im hier und jetzt für uns jeweils schwierig war und auch, in einem vorsichtigen Prozess, was uns eigentlich angetan worden war. Es war wie Weiterlesen

Ein_e Freund_in…

…hat uns diesen wundervollen Text für unseren Blog zur Verfügung gestellt. Wir finden, dass hier auf literarisch kunstvolle Weise Dynamiken im Umgang mit sexualisierter Gewalt deutlich beschrieben werden.

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sexueller missbrauch, sagt bors zu der mutter und der grossmutter, davon redet ihr doch. nicht mal aussprechen könnt ihrs.

 

ein enkel sagt im krankenhaus seinem grossvater, dein leben hatte keinen sinn. du bist nur scheisse. ich werde um dich nicht trauern. du hast dich nur sicher und gut gefühlt, und andere menschen kaputt gemacht. ich bin erleichtert, dich jetzt hier so liegen zu sehen und zu wissen, dass du nie mehr aufstehen wirst.
sei still sagt der andere mensch. du hast keine ahnung. du urteilst über dinge die du nicht verstehst. ich dachte, wenn du etwas von mir hättest mitnehmen können, wäre es gewesen nicht zu urteilen.
es ist einfach, nicht zu urteilen, wenn du immer zuoberst bist. sagt der enkel und geht. der grossvater stirbt. der enkel geht zu seiner grossmutter und fragt direkt, wie hast du es mit diesem menschen ausgehalten. du warst oder bist doch irgendwie feministisch. wie hast du mit diesem menschen leben können so lange. die grossmutter sagt, lass mich damit jetzt in ruhe. dein grossvater liegt im sterben. wir reden in ein paar monaten darüber, aber jetzt lässt du mich in frieden damit! mir wurde immer gesagt, grosskinder seien sanfter mit ihren grosseltern als die kinder es je waren, aber vielleicht weil du bei uns aufgewachsen bist, du warst es jedenfalls nie. ich sage jetzt sogar er zu dir. weil ich das mit dem kein pronomen einfach nicht hinkriege. in meinem alter. dein grossvater hat es auch gemacht. wieviel mehr respekt können wir dir denn noch entgegenbringen, du der du uns nicht einen tropfen davon übrig hast. Weiterlesen

Über die Forderung nach einem objektiven Urteil… TEIL II: Hat Objektivität ein Geschlecht und was hat das mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu tun?

Im ersten Teil habe ich über den Wunsch geschrieben, sich vom Gewalthergang ein eigenes Bild machen zu wollen und warum dies für Betroffene in der Regel keine Unterstützung bietet. Hier soll es nun um die Vorstellung von Objektivität als etwas geschlechtsneutrales gehen, sowie um die Bedeutung dessen für Betroffene.

Was erzählt die Erzählung:
Es kommt dennoch immer wieder zu Situationen, in denen Betroffene zum Berichten des traumatischen Erlebten genötigt werden. Dann wird die Frage, wie diese Erzählungen nun gedeutet werden, von enormer Wichtigkeit für den weiteren Verlauf.
Wenn jemand von sexualisierter Gewalt berichtet, so geschieht dies immer im Spannungsverhältnis zwischen der aktuellen und auf diesen Ort bezogene Definition von Gewalt und dem was die Betroffene als Gewalt erlebt hat. Mal passt die eigene Wahrnehmung und die Vorstellungen darüber was als Gewalt gilt zusammen und mal nicht. Oder anders ausgedrückt: Gewalt wird nicht als Gewalt angesehen, weil sie stattfindet oder weil sie als solche benannt wird, sondern es braucht immer einen zweiten Akt der sozialen und kulturellen Anerkennung (vgl. Künzel 2003:15) Weiterlesen

Über die Forderung nach einem objektiven Urteil oder „erzähl mal was dir da genau passiert ist“ – TEIL I: Sich ein eigenes Bild machen

„Erzähl doch mal genau, was dir da eigentlich passiert ist.“ Solche Aufforderungen kennen viele Betroffene von sexualisierter Gewalt. Mal wird es subtil formuliert, mal anklagend, manche Formulierungen fauchen dir im Subton geradezu ein „ich glaube dir nicht“ entgegen. Und manchmal klingen solche Aufforderungen wohlwollend, versöhnlich und unterstützend. Doch in der Regel geht es darum, dass eine scheinbar außenstehende Person sich ein eigenes Bild machen, ein ‚objektiveres‘ Urteil‘ über die Situation fällen möchte. Schließlich geht es (meistens) um eine enge, vertraute oder irgendwie bekannte Person, die der sexualisierten Gewalt beschuldigt wird.
Beeinflusst von einer feministischen Wissenschaftsperspektive Weiterlesen

Wo beginnt Gewalt gegen Kinder? (Ein Puzzel – Teil 1)

Krieg bricht nicht in einer friedfertigen Gesellschaft aus, sexuelle Gewalt ist nicht die Störung ansonsten gleichberechtigter Geschlechterbeziehungen. Rassistische Attentate schießen nicht wie Blitze aus einem heiteren nicht-rassistischem Himmel, und die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist nicht einsames Problem einer sonst kindergerechten Welt.“ (Susanne Kappeler, Der Wille zur Gewalt, S. 16 in der 1. Auflage von 1994 )

Das Thema „Wo beginnt Gewalt gegen Kinder“ ist aus meiner Sicht sehr komplex mit vielen verschiedenen Betrachtungsebenen. Anfangs hatte ich den Plan, dazu einen Text zu schreiben. Doch im Schreibprozess wurde mir immer klarer, dass ich dies so gar nicht kann. Daher werde ich immer wieder mal über unterschiedliche Aspekte schreiben und vielleicht kann so aus den Puzzleteilen irgendwann ein Bild entstehen….. Weiterlesen