Über die Forderung nach einem objektiven Urteil oder „erzähl mal was dir da genau passiert ist“ – TEIL I: Sich ein eigenes Bild machen

„Erzähl doch mal genau, was dir da eigentlich passiert ist.“ Solche Aufforderungen kennen viele Betroffene von sexualisierter Gewalt. Mal wird es subtil formuliert, mal anklagend, manche Formulierungen fauchen dir im Subton geradezu ein „ich glaube dir nicht“ entgegen. Und manchmal klingen solche Aufforderungen wohlwollend, versöhnlich und unterstützend. Doch in der Regel geht es darum, dass eine scheinbar außenstehende Person sich ein eigenes Bild machen, ein ‚objektiveres‘ Urteil‘ über die Situation fällen möchte. Schließlich geht es (meistens) um eine enge, vertraute oder irgendwie bekannte Person, die der sexualisierten Gewalt beschuldigt wird.
Beeinflusst von einer feministischen Wissenschaftsperspektive Weiterlesen

Wo beginnt Gewalt gegen Kinder? (Ein Puzzel – Teil 1)

Krieg bricht nicht in einer friedfertigen Gesellschaft aus, sexuelle Gewalt ist nicht die Störung ansonsten gleichberechtigter Geschlechterbeziehungen. Rassistische Attentate schießen nicht wie Blitze aus einem heiteren nicht-rassistischem Himmel, und die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist nicht einsames Problem einer sonst kindergerechten Welt.“ (Susanne Kappeler, Der Wille zur Gewalt, S. 16 in der 1. Auflage von 1994 )

Das Thema „Wo beginnt Gewalt gegen Kinder“ ist aus meiner Sicht sehr komplex mit vielen verschiedenen Betrachtungsebenen. Anfangs hatte ich den Plan, dazu einen Text zu schreiben. Doch im Schreibprozess wurde mir immer klarer, dass ich dies so gar nicht kann. Daher werde ich immer wieder mal über unterschiedliche Aspekte schreiben und vielleicht kann so aus den Puzzleteilen irgendwann ein Bild entstehen….. Weiterlesen

Selbsthilfe: Potentiale, Vereinnahmung und Entpolitisierung

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag. Er erschien im November 2014 in: „Contraste – Die Monatszeitung zur Selbstorganisation“

Selbsthilfe: Potentiale, Vereinnahmung und Entpolitisierung

In eigener Sache gegen sexuelle Gewalt

Wir – eine Gruppe Betroffener von sexualisierter Gewalt in der Kindheit – haben uns nach dem Kongress »Perspektiven Selbsthilfe« im November 2012 gegründet. Wir sind unabhängig und selbstorganisiert. Unser Ziel ist es, eine politische Auseinandersetzung mit dem Thema zu fördern sowie den gängigen Darstellungen in den Medien und auf Veranstaltungen etwas entgegen zu setzen. Im März 2014 haben wir dazu einen Workshop mit dem Titel »Tun wir uns zusammen: gegen sexuelle Gewalt« veranstaltet und mit anderen Betroffenen über gesellschaftliche Ursachen und Folgen sowie politische Strategien und Auswege diskutiert. An verschiedenen Thementischen haben wir mit unterschiedlichen Fragestellungen erarbeitet, wie sowohl Ursachen als auch Folgen von sexueller Gewalt an Mädchen* und Jungen* individualisiert und somit entpolitisiert werden. Vereinfachung, Pathologisierung und Individualisierung verhindern eine Diskussion über gesellschaftliche Strukturen, die sexualisierte Gewalt ermöglichen und fortführen. In unseren Diskussionen waren auch die Möglichkeiten und Grenzen von Selbsthilfe ein wichtiges Thema.
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Es nimmt Macht von den Tätern weg und das ist auch gut so! Über die Definitionsmacht der Betroffenen

Beim durchstöbern meiner alten Ordner auf meinem Laptop, bin ich über ein Interview gestolpert, dass ich vor ungefähr einem Jahr mit einer Bekannten geführt habe. Ich fand das Interview sehr passend für diesen Blog: Es geht um Dynamiken von Gewalt, es geht darum wie Institutionen und sogar alternative Szenen Gewaltkreisläufe und die Stigmatisierung von Betroffenen aufrecht erhalten und fortsetzen und es geht um alternative Handlungsmöglichkeiten – und das aus Betroffenen-Perspektive.

Das Interview war wörtlich so abgetippt, wie ich es mit dem Diktiergerät aufgenommen hatte. Ich mag dieses Interview und wollte es deshalb gerne auf den Blog stellen, also hab ich es umgeschrieben, so dass es flüssiger lesbar ist. Kijoui, die ich interviewt hatte, hat es auch gelesen und Korrekturen gemacht. Sie ist also damit einverstanden, dass so wie es jetzt ist hier auf dem Blog steht….

Vielleicht noch ein paar Worte zum Kontext: Weiterlesen

Subjekt Status – Anerkennung des Schmerzes von Außen

Mir scheint es immer wieder so, als ob es für ‚uns Betroffene‘ in politischen Kämpfen immer wieder nur zwei Möglichkeiten gibt:

1. Wir beziehen uns aufs Opfer sein. Wir zeigen, dass sexualisierte Gewalt wirklich Folgen hat. Dass es schlimm und wie schlimm es ist. Wir stellen Kataloge auf mit Symptomlisten. Wir finden das heraus, was alle Betroffenen gemeinsam haben, ja und sehr schnell sind wir dabei, dass es das nicht gibt.

2. Das kämpferische Subjekt. Wir zeigen allen, dass wir es drauf haben. Dass wir keine Opfer sind. Wir sind stark, wir sind viele. Im ersten Moment hört sich das so gut an und fühlt sich auch richtig an… Weiterlesen

Über die aktuelle Richtung des Diskurses in den Medien

Ich bin wütend. Ich bin sehr wütend. Im Fernsehen und im Internet bin ich immer wieder konfrontiert mit Spots wie: man sieht einen sympathischen jungen Mann, der Straßenbahn fährt. Eine Mutter mit Sohn steigt ein, sie setzen sich dem Mann gegenüber hin. Der Mann sieht den Jungen an und schaut dann gequält vor sich hin. Am Ende der Frage: „Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“ Und die Antwort: “- Es gibt Hilfe!“. Ich persönlich empfinde diese Frage schon als Zumutung, denn „Pädophilie“ (1) hat nun wahrlich nichts mit Liebe zu Kindern zu tun…..In einem weiteren Filmchen sehen wir vermummte, durch Kleidung und Stimme als Männer markierte Personen, die über ihr persönliches Leid sprechen und am Ende theatralisch (o.k., das ist meine Wertung…) versichern: „Ich will kein Täter werden!“  Es geht um Werbung für das sogenannte Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Weiterlesen

Höhere Strafen für Täter… ein erzieherisches Mittel

Hin und wieder taucht in meinem privaten Umfeld die Diskussion um die Bestrafung der Täter auf. Heute hatte ich mit meinem Mitbewohner, auf dem Weg zum Supermarkt, wieder mal so ein Gespräch worauf hin ich beschloss ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben. Seine Überlegung war – und die hatte ich von anderen schon oft gehört, dass eine höhere Bestrafung der Täter nichts bringen würde. Wem nichts bringen?, fragte ich ihn und würde dabei bereits ein bisschen wütend. Geduldig erklärte er mir, dass eine höhere Bestrafung Täter nicht abschrecken würde und es somit keine präventive Wirkung haben (als erzieherisches Mittel also ungeeignet sei). Und schon wieder denken alle an die Täter, murmelte ich. Überrascht schaute er mich an. Für mich hätte es eine Bedeutung und Wirkung gehabt. Hätte ich als Kind gesagt bekommen, sexualisierte Gewalt ist was soooo schlimmes, dafür kommt man 20 Jahre ins Gefängnis, das hätte mich als Kind durchaus beeindruckt. Aber stattdessen bekam ich von der Gesellschaft immer wieder gesagt, das was dein Vater mit dir macht, ist ja gar nicht so schlimm. Oder anders ausgedrückt, stell dich nicht so an. Weiterlesen

Über die Gleichsetzung von „Betroffenheit“ jeder Art von sexualisierten Angriffen in einer patriarchalen Gesellschaft

Wenn ich mit anderen Menschen versuche, über die möglichen Ursachen von sexueller Gewalt (1) gegen Kinder zu sprechen, stoße ich immer wieder auf ein Problem. In der Diskussion entsteht häufig so etwas wie eine Teufelskreis. Für mich steht fest, dass gesellschaftliche Macht- und Gewaltstrukturen die Ursache von sexueller Gewalt sind und sie auch immer wieder möglich machen. Es ist also nie (nur) ein persönliches, individuelles Geschehen zwischen zwei (oder auch mehreren) Personen. Wenn es nun darum geht, genau die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen zu benennen sprechen wir natürlich auch über „rape culture“(2).
In der Diskussion um die Alltäglichkeit von Sexismus wird natürlich und ja auch ganz folgerichtig versucht sich bewusst zu werden, wo überall in unserem Alltagsleben wir (alle, die gerade diskutieren) mit diese Art von Gewalt konfrontiert sind. Weiterlesen