Das ist Ansichtssache

Es ist kaum zu glauben, aber zum Thema sexualisierte Gewalt in der Kindheit gibt es viele Ansichten. Die im Mainstream wohl geläufigste ist die, zwar zu sagen, dass sexualisierte Gewalt (oder welche Worte dafür auch immer verwendet werden) als etwas schlimmes bewertet wird. Tatsächlich wird aber im Mainstream viel dafür getan, dass Gewaltdynamiken aufrecht erhalten bleiben, dass Betroffenen nicht geglaubt wird, dass Täter und Täterinnen entlastet und sogar geschützt werden. Und dann wird über die ‚Opfer‘ gesprochen. Auch hier wird wieder ein Bild kreiert, das aus unserer Sicht in der Regel eher einer Karikatur gleich kommt, als das Betroffenen zugehört und als Menschen, als Subjekte auf Augenhöhe begegnet wird.

Wir wollen hier auf diesem Blog zeigen, dass es auch andere Ansichten zu diesem Themen gibt: und zwar eine politische aus Betroffenen-Perspektive. Uns geht es an dieser Stelle also nicht darum zu zeigen, wie furchtbar und schlimm sexualisierte Gewalt für die Betroffenen ist (was es ist!!!), sondern darum dieses Thema als eingebettet in Machtstrukturen zu betrachten und eine politische Sichtweise auf dieses Thema einzufordern.

Es gibt mittlerweile Diskussionsrunden und Workshops, in denen aus Betroffenen-Perspektive politisch diskutiert wird und es werden immer wieder viele wichtige und spannende Aspekte zum Thema sexueller Gewalterfahrung (in der Kindheit) angerissen. Meist fehlt dann Zeit und Raum, um tiefer einzusteigen.

Wir möchten in diesem Blog nun genau dies tun: tiefer einsteigen. Wir möchten aber auch über die schriftliche Form die Diskussionen festhalten und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Wen wollen wir mit diesem Blog ansprechen?

In erster Linie politisch interessierte Menschen, die sexuelle Gewalt (in der Kindheit) erleben mussten und alle anderen am Thema interessierten.

Wir definieren uns zwar als betroffene Frauen (die in der Kindheit sexualisierter Gewalt erleben mussten) und schreiben aus dieser Position, sehen das Thema aber nicht als frauenspezifisch, sondern als eingebettet in viele Machtverhältnisse. Unsere Verortung und Positionierung innerhalb von Machtverhältnissen versuchen wir in unseren Texten sichtbar zu machen.

Unser (politisches) Selbstverständnis:

Der Umgang mit politischen Einordnungen, mit Worten, mit Zuschreibungen ist oft festschreibend und manchmal auch irreführend. Auch wenn es nicht in jedem Punkt unserer Selbstdefinition entspricht, ist unsere Gesellschaftsverständnis ein queer- feministisches und linkes.

Trotzdem haben wir selbstverständlich auch innerhalb der verschiedenen Aspekte unterschiedliche Standpunkte.

Für uns ist es eine politische Entscheidung, dass sexuelle Gewalt (auf diesem Blog) an manchen Stellen deutlich benannt wird. Deshalb haben wir uns gegen eine Benutzung von Splashes (in vermeintlich „triggernden“ Worten werden Vokale durch Sternchen ersetzt: statt Vergewaltigung beispielsweise V’rg’w’lt’gung) oder auch Triggerwarnungen entschieden. In unserer Wahrnehmung führen diese Umgangsweisen nicht zu einem Schutz Betroffener, sondern machen diese klein und unmündig. Sie bringen ein erneutes Schweigegebot mit sich und schreiben Betroffenen generell bestimmte Verletztlichkeiten zu. Wir gehen davon aus, dass jede betroffene Person, genau wie jede Person, die keine sexuelle Gewalt (in der Kindheit) erlebt hat, selbstverantwortlich mit diesem Blog umgeht und für sich entscheidet, was sie wann und in welchem Umfang lesen will. Auch wenn manches aufwühlend oder schmerzhaft sein kann, wünschen wir euch ein inspiriertes Lesen.

Unser Anliegen ist es, Texte zu schreiben, die die gesellschaftlichen und politischen Strukturen und Mechanismen beleuchten, die sexuelle Gewalt (gegen Kinder) immer wieder möglich machen und eine Auseinandersetzung behindern. Wir verstehen, wie oben gesagt, jede Form von sexualisierter Gewalt als eingebettet in gesellschaftliche Strukturen und betrachtet es daher niemals nur als Einzelschicksal.

Zu den Beiträgen:

Für das Verständnis von Texten kann es entscheidend sein, sie im jeweiligen Kontext zu betrachten. Wir bemühen uns daher, die jeweiligen Perspektiven sichtbar zu machen.

Alle Texte in diesem Blog werden aus der Sicht von Betroffenen sein. Außerdem: wir haben kein Interesse daran Täter und Täterinnen, die sexuelle Gewalt ausüben, verstehen zu wollen. Das meint zum Einen, dass Menschen schreiben, die selbst sexueller Gewalt (in der Kindheit) ausgesetzt waren. Zum Anderen bedeutet es auch, dass Fragen, Meinungen, Diskussionsanregungen von den Standpunkten der Betroffenen geschriebene werden.

Erfahrungsberichte, in denen es um die erlebte sexuelle Gewalt geht oder um den Weg der Auseinandersetzung finden wir auf diesem Blog sinnvoll, wenn sich aus diesem Aspekt eine politische Herangehensweise ergibt.

Es ist nicht unser Anspruch, hier alle möglichen Sichtweisen paritätisch abzubilden oder alle Meinungen zuzulassen. Wir selbst haben bestimmte Haltungen und diese werden hier auch sichtbar sein.

Weil uns dieser Blog vor allem Spaß machen soll, werden wir einfach nur zu Themen schreiben, die uns auch interessieren. Das kann natürlich bedeuten, dass aktuelle Themen, zu denen es wichtig wäre etwas zu schreiben, sich nicht unbedingt auf diesem Blog (sofort) finden lassen. Es bedeutet dann aber nicht, dass wir fehlende Themen nicht wichtig finden, sondern nur, dass unser ‚Feuer‘ möglicherweise gerade wo anders brennt oder wir einfach keine Kapazitäten haben

Anfangs dachten wir, dass wir gar keine Kommentare unter den Artikeln zu lassen wollten. Diese Überlegung entstand aus verschiedenen schlechten Erfahrungen, insbesondere im Bezug auf die extreme Verharmlosung von sexualisierter Gewalt. Da dies aber jede Form des Austauschs von vornherein ausbremsen würde, haben wir uns dazu entschieden, eine begrenzte Kommentarfunktion auszuprobieren. Auch um uns zu schützen nehmen wir uns das Recht auch ohne Erklärung Kommentare nicht zuzulassen.

Darüber hinaus gibt es eine E-Mail-Adresse an die ihr uns jeder Zeit schreiben könnt.

ansichtssache(ät)riseup.net

Wir hoffen, ihr habt soviel Spaß beim Lesen, wie wir beim Schreiben.

Martina und Judith

2 Gedanken zu „Das ist Ansichtssache

  1. Wir haben hier von ‚Tätern und Täterinnen‘ gesprochen und wurden darauf hingewiesen, dass damit nicht diejenigen zwischen den Geschlechtern benannt werden würden. An dieser Stelle geht es uns aber nicht um Identitätskategorien, sondern um Strukturkategorien. Das soll bedeuten, dass es uns an dieser Stelle nicht darum geht die Identität und Persönlichkeit eines Menschen anzuerkennen, sondern darum zu erkennen, dass es Menschen gibt, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Positionen heraus (hier also der gesellschaftlichen Position als (erwachsener) Mann oder als (erwachsene) Frau) Gewalt ausüben. In anderen Zusammenhängen, in denen es mehr um Identitäten und Identitätskategorien geht, finden wir es wichtig, die Vielfalt von Geschlechtern zu benennen.

    • Dieser Kommentar von uns wurden von einigen Seiten kritisiert. Jetzt würden wir den so auch nicht mehr schreiben. Wir hatten ja schon mal an anderer Stelle geschrieben, dass wir versuchen wollen unsere Meinungen als (Auseinandersetzungs-)Prozess sichtbar zu machen. Deshalb wollen wir Dinge, die wir mal geschrieben haben, (aber jetzt so nicht mehr schreiben würden), stehen lassen, da sie einen Teil der Diskussion bilden, anstatt sie einfach wegzulöschen und damit den Prozess der Auseinandersetzung unsichtbar zu machen.
      Hier gehts zur Diskussion:
      http://ansichtssache.blogsport.eu/2015/10/01/t_aeter/

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